Sex, den man möchte

Auf hellblauem Untergrund (vielleicht eine Mauer) paaren sich zwei grüne Käfer (Nahaufnahme). (Bild: Romi Yusardi auf Unsplash)
Bild: Romi Yusardi auf Unsplash
Sexpositivität muss nicht heißen, maximal viel Sex zu haben. Ein Kommentar zu „Rumvögeln ist noch keine Befreiung“. Von Ina Schumann.

Ein Text von:

Neulich stieß ich auf die Kolumne „Rumvögeln ist noch keine Befreiung“ auf nd-aktuell. Autor*in Jeja Klein nimmt den in jungen linken Kreisen angesagten Sexpositivismus unter die Lupe und unterstellt sexpositiv lebenden Menschen eine eher undifferenzierte und unreflektierte Haltung gegenüber ihrer Sexualität.

Die etwas reißerisch betitelte Kolumne ploppte an verschiedenen Stellen in meinem Umfeld auf, in dem Dinge wie Sexpositivität, Polyamorie oder Beziehungsanarchie eine immer wichtigere Rolle spielen, weil viele Menschen ihr Leben nicht mehr nach klassischen, oft heteronormativ-monogam geprägten Beziehungsmustern ausrichten wollen.

Alle, mit denen ich über die Kolumne sprach, konnten sich in der beschriebenen Szenerie und der Kritik der Autor*in nicht wiederfinden. Eine Freundin mutmaßte, ob es daran iegt, dass wir doch alle jenseits der 30, also eine andere Generation seien.

Abgrenzung nötig

Auch kam die Frage auf, ob es mit den Einstellungen jüngerer Menschen zu Kapitalismus und Konsum zusammenhängen könnte, da ihnen oft nachgesagt wird, alles nur noch daran zu messen, ob es ihre individuellen Bedürfnisse befriedigt.

Statt in Spekulation über die Motive und Ansichten der Autor*in und junger linker Menschen zu verfallen, nutze ich den gebotenen Anstoß lieber, um Sexpositivität aus meiner Sicht abzugrenzen: Sexpositivität beschreibt eine Einstellung zu Sex und Sexualität und zur Verwirklichung letzterer durch ersteren.

Sex kann ein Teil des menschlichen Lebens sein, ist aber nicht (über)lebensnotwendig. Darum kann es kein Recht auf sexuelle Aufmerksamkeit, Zuwendung oder gar Pflicht geben, diese zu schenken. Sex zu tabuisieren oder zu mystifizieren und zu glorifizieren, erscheint mir ebenfalls als Überbewertung.

Konkret sehe ich im Begriff der Sexpositivität die Verwirklichung eines Wunsches nach offenem, konsensuellem und schamfreiem Umgang mit Sex, Sexualität und diese betreffenden Gedanken und Gefühle.

Nicht maximal viel Sex

Inhaltswarnung: Es folgen individuelle Erfahrungen mit Übergriffigkeit und fehlendem Konsens.

Zwar fanden mein Aufwachsen und meine ersten Erfahrungen mit Sexualität und Sex in sehr offenen, sexuell aufgeklärten und durch klare Kommunikation geprägten Verhältnissen statt, aber diese Verhältnisse waren nicht immer auf Konsens ausgerichtet, auch übergriffig und leider war es an den Grenzen nach außen schambehaftet.

Gleichzeitig wurden in meinem jugendlichen Umfeld Sex und alles darum herum derart auf ein Podest gestellt, dass es vielen jungen Frauen, mir eingeschlossen, sinnvoll erschien, mit ihrer sexuellen Bereitschaft gegenüber Männern zu kokettieren und mit Reizen nie zu geizen. Doch was Sex und unsere Sexualität für uns sein kann, das war, mir jedenfalls, nicht klar.

Heute sehe ich Sex als Teil meines Lebens. Er ist ein Teil, den ich genießen kann, der nicht immer gut, nie perfekt, aber immer ein in-Kontakt-treten und Kommunizieren mit anderen Menschen ist. Mal gibt es viel davon, mal gar nichts. Sex ist keine Notwendigkeit für eine „besondere“ oder gar „richtige“ Verbindung zwischen anderen Menschen und mir.

Er ist kein Tabu mehr; es ist keine Ehre, kein Zugeständnis meinerseits, mit einer Person Sex zu haben. Gefühle und Gedanken zu Sex wahrzunehmen, auszusprechen und sich darüber frei von Vorurteilen und Erwartungen auszutauschen, empfinde ich als Bereicherung.

Sex, den man möchte

Mit Sexpositivität kann aus meiner Sicht der Wunsch einhergehen, ein offenes, nicht durch Monogamie geprägtes Beziehungskonzept zu leben, muss er aber nicht. Unter keinen Umständen heißt für mich Sexpositivität, maximal viel Sex in jeden Aspekt meines Lebens zu tragen oder maximal viele Sexualpartner*innen zählen zu können.

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Viel mehr heißt es, die eigene Sexualität wertzuschätzen, Sex an sich wertzuschätzen und ihn nicht zur bloßen Selbstwertsteigerung, als reinen Gefühlsverstärker, weil man sich sonst nicht mehr spürt, oder gar als Suchtmittel einzusetzen. Es heißt auch, mich vor jener Art von Sex zu schützen, die ich nicht möchte.

Und es heißt ganz besonders, die Menschen in meinem Umfeld nicht auf ihre Sexualität und sexuelle Verfügbarkeit zu reduzieren. Ich will meine Sexualpartner*innen respektieren, wahrnehmen und ein Leben führen, das nicht von Sexualisierung überschattet ist, sondern das von Aufrichtigkeit und Freiheit erfüllt ist. ◆

Autorin

Ina Schumann (sie/ihr) ist Stadträtin, Lehrerin und denkt viel über alternative Beziehungsformen und Sexualitätsentfaltung nach.

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