Nervöser Angstschweiß von Aktionär*innen und andere Symptome der „Superhero Fatigue“

Comic-Szene, Großstadt im Regen: Auf einer Straße hängt ein ausgezogener Spiderman-Anzug, im Hintergrund entfernt sich jemand. (Bild: Marvel (aus: Amazing Spider-Man #50)
Bild: Marvel (aus: Amazing Spider-Man Vol. 1 #50)
Ermüden uns Geschichten über Superheld*innen, sind wir ihrer überdrüssig geworden? In der neuen Ausgabe seines Newsletters „Fan Theory of Everything“ schreibt Jonas Lübkert über das Phänomen der „Superhero Fatigue“.

Auf einen Klick: Vorwort // Ein Evergreen // Mehr Wunschdenken als Diagnose // Spektakuläre Bruchlandungen: Mobius und Madame Web // Die Vorsicht ist spürbar // Nicht zu viele Risiken // Als ginge es um die Identität // Nachrichten-Überblick

Ein Text von:

Vorwort

vliestext freut sich, für eine Weile den Superhero-Newsletter Fan Theory of Everything von Jonas Lübkert beherbergen zu dürfen. Mit seinen Texten für 54books und fluter hat er sich den Ruf erarbeitet, Fachmann für die beliebte Welt der Superheld*innen und politische Aspekte der Popkultur zu sein. Auch für vliestext hat er sich schon damit beschäftigt, etwa in seinem Text über Poison Ivy und ihren Öko-Terrorismus

Über den Newsletter, 2023 für den „Goldenen Blogger“ nominiert, sagt Lübkert: „Es ist ein Versuch, eine Schneise durch das dicht verflochtene Gestrüpp zu schlagen, das über 90 Jahre Superheld*innen-Geschichte hervorgebracht haben.“ Alle von vliestext gehosteten Ausgaben des Newsletters finden sich hier, die früheren hier. Dort und über den Link unten lässt sich der Newsletter abonnieren.

Auf ins Gestrüpp.


Nervöser Angstschweiß von Aktionär*innen und andere Symptome der „Superhero Fatigue“

Ich liebe Fan-Debatten. Sie waren mal einer der Hauptgründe für diesen Newsletter. Engagierte Gespräche über Batnippel, das Multiversum des Weihnachtsmanns oder Offbrand-Spielzeug-Puppen bringen mir so viel Freude wie wenig anderes. 

Umso frustrierender ist es, wenn ein Boys Club mit verblüffendem Selbstbewusstsein und wiedergekäuten Pseudo-Diskussionen jeden Community-Austausch dominiert. Mit lautstarken Männlichkeits-Performances trampeln sie den Superheld*innen-Diskurs platt und prügeln jede Nuance aus ihm heraus. 

„Marvel is back“ wird gerufen, wenn ein Film ihren Vorstellungen entspricht. „Marvel has gone woke“, wenn auch mal eine Frau oder eine Schwarze Person auftaucht. Zwischendrin schreibt dann noch jemand etwas darüber, dass das alles ohnehin plumpe US-amerikanische Propaganda sei, als wäre das nicht schon in den Sechzigerjahren eine These gewesen.

Ich habe schon oft geschrieben, dass im Mainstream kulturelle Grabenkämpfe geführt werden und auch werden müssen. Aber, was das angeht, bin ich persönlich einfach sehr, sehr müde geworden.

Ein Evergreen

Diese Woche hätte ich mir eigentlich einen Austausch über die kryptischen Buchstaben auf dem Alien-Plattenspieler im neuen Supergirl-Trailer gewünscht – ist das einfach ein Firmenlogo oder ein Slogan? Aktuell beherrscht allerdings die lauwarme Behauptung, der Film Supergirl: Woman of Tomorrow (erscheint im Sommer 2026) kopiere Guardians of the Galaxy, den ersten Schwall an Reaktionen. 

Ich könnte darauf verweisen, dass der Regisseur von Guardians of the Galaxy gerade als CEO von DC Studios maßgeblich an Supergirl beteiligt ist, oder dass die Optik des Films auf dem gleichnamigen Comic beruht; aber ich habe gar keine Lust darauf, ein Multimilliarden-Unternehmen wie Marvel oder DC Studios zu verteidigen.

Und das bringt mich zu einem Evergreen der Superheld*innen-Debatten: Noch vor dem Supergirl-Trailer und dem wahrscheinlichen Kauf von Warner Bros. Discovery (zu dem DC Studios gehört) durch Netflix habe ich mich gefragt – angestoßen von meinen eigenen Gefühlen zu Superheld*innen-Debatten – ob es wirklich so etwas wie „Superhero Fatigue“ gibt. Superhero Fatigue ist ein viel gebrauchter Begriff in Online-Kulturmagazinen und bezeichnet die wachsende Müdigkeit gegenüber Superheld*innen-Geschichten.

Zum ersten Mal gelesen habe ich vermutlich etwa 2015 davon. Die Reaktion auf Avengers: Age of Ultron und Thor: The Dark World war vergleichsweise verhalten. Der Superman-Film Man of Steel, eigentlich der große Beginn des DC Extended Universe, kam zumindest in meinem Umfeld nicht richtig gut an.

Da ich einen Blogeintrag von 2012 gefunden habe, der bereits von Superhero Fatigue spricht und sich dabei explizit auf neuere Marvel-Filme seit 2008 bezieht, gehe ich davon aus, dass der Begriff älter ist und schon immer zur Rezeption des Marvel Cinematic Universe gehört hat. 

Mehr Wunschdenken als Diagnose

Richtig prominent haben Journalist*innen Superhero Fatigue im Jahr 2019 gemacht. Marvel war dabei, mit Avengers Endgame ihren ersten großen übergeordneten Handlungsstrang abzuschließen, und viele konnten sich nicht vorstellen, wie es danach weitergehen sollte.

Statt kürzer zu treten, kaufte Disney, zu dem Marvel gehört, das X-Men-Filmstudio Fox und startete einen vollständig neuen Streamingdienst, inklusive neu angekündigter Marvel-Serien. Superhero Fatigue war zu dem Zeitpunkt für manche wahrscheinlich mehr Wunschdenken als tatsächliche Diagnose. „Are we finally suffering from Marvel fatigue?“, schrieb Stuart Heritage für The Guardian im selben Jahr.

Und aktuell ist es offenbar wieder soweit, sich zu fragen, ob wir eigentlich die Schnauze voll von Superheld*innen haben. „We have this discussion every six months“, erklärt Fanboy Reviews, einer meiner Lieblingsvlogger*innen, etwas genervt. Er hat sich schon 2023 der Frage angenommen, ob es so etwas wie Superhero Fatigue überhaupt gibt.

Die Antwort: Die Zahlen (siehe unten) sprechen dafür, aber das könne auch an einer globalen Pandemie und einem langanhaltenden Streik von Schauspieler*innen, Drehbuchautor*innen und anderen liegen.

Spektakuläre Bruchlandungen: Mobius und Madame Web

Die Einnahmen von Big-Budget-Superheld*innenfilmen gingen gerade bei Marvel von 2020 bis 2023 deutlich zurück. Black Widow, Eternals, Antman: Quantumania und The Marvels spielten weniger ein als das Studio erwartete. Sony Pictures gelang es, 2022 mit Mobius und 2024 mit Madame Web so spektakuläre Bruchlandungen hinzulegen, dass sie dadurch einiges an ungewollter Aufmerksamkeit erhielten.

Mobius wurde zum Meme und Madame Web erhielt in zwei Kategorien den Negativpreis „Goldene Himbeere“. Hat irgendwer Blue Beetle oder Shazam 2 geschaut? Ich mochte die tatsächlich, aber habe bisher niemanden gefunden, die*der mit mir darüber reden wollte.

2025 war sowohl seitens der Zuschauer*innen als auch der Produzierenden eine Reaktion auf die Probleme der Filme und Serien aus den Jahren zuvor. Viele meiner Lieblingsrezensent*innen sind vorsichtiger geworden mit überschwänglicher Begeisterung. Manche – wie die Tiktokerin @jstoobs – sprechen inzwischen nur noch selten über Superheld*innen. 

Vom Start der Trickfilm-Serien Marvel Zombies und Eyes of Wakanda habe ich nur über Werbung mitbekommen. Die gleiche Community, die noch 2023 jede Folge von vergleichbaren Serien analysierte, bewertete und einordnete, ist deutlich stiller geworden (ab und an kommt noch wer zum Vorschein, um über den The Boys-Spinoff Gen V oder Peacemaker zu sprechen).

Die Vorsicht ist spürbar

Filmstudios wissen das und versuchen gegenzusteuern. Nachdem sich Captain America: Brave New World Anfang 2025 noch nach vier übereinander gestapelten Filmen in einem Trenchcoat anfühlte, sind Thunderbolts* und Fantastic Four sehr konsistente, in sich geschlossene Erzählungen.

Es gibt zwar noch Post-Credit-Szenen und das Versprechen eines übergeordneten Universums, aber die Vorsicht, mit der diese Filme konstruiert wurden, ist spürbar. Als würde jemand Steine auf einen Jenga-Turm legen und sich wirklich große Mühe geben, ihn nicht zum Einstürzen zu bringen.

Ähnliches dachte ich auch, als ich aus dem neuesten Superman kam. Es gab vieles, was ich an dem Film mochte: die sexy Dynamik zwischen Rachel Brosnahan und David Corenswet, die offensichtliche Liebe zu den Figuren und die absurde Entscheidung, einen großen Teil des Films mit einem inkompetenten Super-Hund zu verbringen. Oft greift auch dieser Film allerdings auf altbewährte Muster zurück. 

Nicht zu viele Risiken

„Warum kauen die Journalist*innen permanent auf Stiften, wenn sie alles am Computer schreiben?!“, merkte meine Partnerin zurecht an. In der Superman-Welt müssen Bösewichte unter Haarausfall leiden, Kriege finden immer nur in fiktiven Ländern statt und Reporter*innen knabbern an Stiften. Klassische Bilder und Erzählungen sollen dafür sorgen, dass das Kino-Erlebnis auf bekannten, stabilen Beinen steht. 

Der Angstschweiß von Studio-Chef*innen ist förmlich zu riechen. „I don’t believe in superhero fatigue. I think there’s a mediocre movie fatigue“, sagt Superman-Regisseur und neuer DC-Studio-CEO James Gunn in einem GQ-Interview und lacht nervös.

Fan Theory of Everything, der Newsletter über die Welt der Superheld*innen von Jonas Lübkert, lässt sich hier abonnieren:

Er weiß, wie schwer es sein wird, Superheld*innen-Produktionen wieder lukrativ zu machen. Bisher scheint er den Weg einschlagen zu wollen, genügend, aber nicht zu viele Risiken einzugehen, um Interesse zu wecken, gleichzeitig aber nicht einen Großteil der alteingesessenen Fans und Zuschauer*innen abzuschrecken.

Als ginge es um die Identität

Zurück zu meiner Ausgangsüberlegung zu Fan-Debatten im Allgemeinen: Fast jede Auseinandersetzung zu Superhero Fatigue erschöpft sich darin, dass es sie entweder gibt und der Superheld*innen-Stoff an sich sowieso schon immer ein wenig schlecht war, oder dass das Gerede von einer Superhero Fatigue Quatsch ist. Es wird gestritten, als ginge es nicht um das Geld von Aktionär*innen und die Karrieren einzelner, sondern um die eigene Identität als Fan. 

Ich persönlich beschäftige mich gerne mit den wirtschaftlichen Hintergründen von Superheld*innen-Kultur, mache mir dabei aber recht wenige Sorgen um die Einkünfte der jeweiligen Großunternehmen. Geschichten von übermächtigen und mystischen Wesen, so darf man vermuten, gehen uns nicht verloren. 

Dieses Jahr habe ich etwa sehr gerne Kieron Gillens und Caspar Wijngaards The Power Fantasy gelesen und mich über die dritte Staffel von Invincible gefreut. Selbst wenn die Debatten weniger große Kreise als früher ziehen, werde ich hier weiterschreiben, solange es mir denn persönlich Freude bereitet. An Superhero Fatigue leide ich jedenfalls nicht. ◆

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Weitere Superheld*innen-Nachrichten in letzter Zeit:

Der deutsche Schauspieler Lars Eidinger wird im neuen Superman-Film Man of Tomorrow: All the Light We Cannot See den Bösewicht Brainiac spielen.

Marvel Studios hat einige Erscheinungsdaten von Serien herausgegeben; darunter Wonder Man (Januar 2027) und die zweite Staffel von Daredevil (März 2026).

Das Frankfurter Weltkulturen Museum stellt mehrere afrikanische Comic-Autor*innen vor. Im Mittelpunkt steht auch die ghanaische Superheld*innen-Reihe Moongirls (kann man hier lesen).

Amazon kündigt Spider Noir-Serie für 2026 an.

Der erste Spider-Man-Live-Action-Schauspieler Danny Seagren (Spidey Super Stories, Teil der Electric Company-Serie) ist verstorben.

Ankündigung von einem The Boys-VR-Spiel.

Das Beat-em-up-Game Marvel Cosmic Invasion ist erschienen.

Neuer Trailer zum Wolverine-Spiel veröffentlicht.

Stephanie Phillips wird im März 2026 eine neue Daredevil-Comicreihe schreiben. Spannend ist dabei: Sie ist auch auf Tiktok und erzählt im Detail von ihren Erfahrungen.

Neues Promo-Material für Wonder Man erschienen.

Verwendung des „Weapon of the Enemy“-Batman-Meme im AI-Kontext.

Das japanische Spielestudio ArcSys kündigt das Fighting-Game Marvel Token: Fighting Souls an.

Das erste Superman-Comic von 1939 wurde für über neun Millionen Dollar versteigert.

Eine italienische Studie legt nahe, dass Menschen eher ihren Sitzplatz an eine schwangere Frau abgeben, wenn jemand im Batman-Kostüm in der Nähe steht.

Neuer Teaser zur Lanterns-HBO-Serie erschienen.

Lauren Morais und Diane Morgan (von Cunk on Earth) wurden für Vision Quest-Serie gecastet.

Das Superheld*innen-Bürokratie-Adventure Dispatch ist erschienen.

Autor

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