Vom Brechen der Würde

Graustufenbild: Mensch liegt halbnackt in verzweifelter Embryonalhaltung auf einem dunklen Boden. Zu sehen ist vor allem der Rücken.
Foto: Žygimantas Dukauskas auf Unsplash
In seinem Buch „[INST] – Geschichten über Gewalt und Behinderung“ blickt der Psychologe Alexander Puchtler in Institutionen der Behindertenhilfe. Besonders eindrücklich ist das hier zu lesende Kapitel „Dittmann“.

Auf einen Klick: Vorwort // Ich sehe dich, Dittmann // Alles, was ich gelernt habe // Den roten Faden müsste man finden // Polizisten an der Tür

In eine verborgene Welt blicken das tut der Psychologe Alexander Puchtler mit seinem kürzlich erschienenen Buch [INST] – Geschichten über Gewalt und Behinderung. Die verborgene Welt ist hier die der Komplexeinrichtungen für Menschen mit Behinderung.

Puchtlers Geschichten aus Institutionen der Behindertenhilfe „wühlen auf, erschrecken und berühren tief“, wie der Bildungswissenschaftler und Heilpädagoge Bastian Fischer im Nachwort schreibt. Sie tun das auch deshalb, weil sie fiktional, aber nicht fiktiv sind. Als literarische Fiktionalisierungen speisen sie sich aus Puchtlers langjähriger Arbeitspraxis als Psychologe im beratenden Dienst der Einrichtungen.

In [INST] geht es etwa um Machtasymmetrien zwischen Betreuten und Betreuenden, um strukturelle Gewalt, gesellschaftliches Wegblicken und, trotz allem, um Hoffnung auf bessere Zeiten. Es ist eine verständnisvolle Institutionskritik, aus der Praxis an der Praxis und der sie bedingenden Strukturen.

Hier auf vliestext ist als Auszug das Kapitel „Dittmann“ zu lesen, das eines der eindrücklichsten des Buches ist, nicht nur wegen des Polizeieinsatzes. Erzählt wird es aus der Perspektive eines zweifelnden, mit seinem Fachwissen ringenden Ichs, das dem des Psychologen Alexander Puchtler recht nah stehen dürfte.


Dittmann

Ich sehe dich, Dittmann, wie du vor mir stehst mit den verschmierten Schnupftabakresten unter deiner Nase. Ich sehe dich, wie du manisch – auch wenn dieses Wort nicht stimmt, weil es zu viel verschweigt – auf und ab gehst, läufst, tobst. Wie du in deinem Zimmer hastest, auf dessen Boden kleine Dreckklumpen herumliegen, die du mit deinen Arbeitsstiefeln dort hineingetragen hast, die du in deinen Teppich stampfst, während du schnaufst und stöhnst und dich herumschleppst und schreist. 

Ich sehe dich, Dittmann, ich sehe dich seit Tagen. Mona sieht dich auch, sie leidet mit dir, und sie stößt dich weg. Sie steckt dich in Schubladen, damit du ihr nicht zu nahekommst, und ich verstehe sie, und auch ich möchte dich irgendwo verwahren, damit ich dir nicht zusehen muss. Mona mag dich, du bist ihr wichtig, aber sie kann nicht, und ich kann nicht – niemand kann hier so richtig. 

Ich sehe dich, Dittmann, wie du durch die Wohnung wütest, beim Abendessen, deinen Mitbewohnern die Wurst vom Teller klaust und lachst wie das karikierte Böse. Wie du Vorhänge aus der Fassung reißen, sie dir um deine Schultern binden und zur Terrassentür hinausrennen möchtest, dich damit im Garten wälzen.

„Alles, was ich gelernt habe, hilft mir nun nichts. Ich kann nur zuschauen.“

Ich sehe dich, Dittmann, auch wenn man nur deinen Körper erkennen kann, der sich so bewegt, als säßest nicht du am Steuer, wenn deine Gliedmaßen um dich herum zappeln und du spuckst beim Sprechen, weil sich deine Lippen zu schnell bewegen.

Ich sehe dich, Dittmann, und werde nicht schlau aus dir, gerade weil ich dich sehen will – nicht nur die Manie, auch den Rest. Schlau werde ich nicht mehr, war ich nie, so scheint es mir. Alles, was ich gelernt habe, hilft mir nun nichts. Ich kann nur zuschauen.

Ich beruhige mich, mein Zweifeln, indem ich anders zu reagieren versuche als die Kolleg*innen. Ich versuche mir nicht vorzustellen, wie du jemanden verletzt oder sogar tötest; wie du jemanden schlägst oder etwas zerstörst. Ich versuche dich zu sehen, Dittmann, und ich habe Angst. Nicht vor dir. Davor, dass sie mich für naiv halten, dass sie mich für befangen halten, für zu „nah am Bewohner“, wie es heißt im Floskelland. 

Ich versuche dich zu sehen und versuche mir zu erklären, wie es wieder so weit kommen konnte. Ich denke an Auslöser und Reize und Worte und Taten, und ich denke daran, wie du früher warst, was dir passiert ist, damit dir das jetzt passiert. „Jeder kann aus dem etwas machen, was aus ihm gemacht wurde“, sagte Sartre – ist das eigentlich zynisch, hier, in dieser Welt?

„Den roten Faden müsste man finden, irgendetwas, das erklärt.“

Ich versuche dich zu sehen, damals, wie etwas aus dir gemacht wurde, und finde keine Antwort. Weil ich dich nicht kenne, und diejenigen, die dich kennen, die von deiner Vergangenheit erzählen, auf dem Bauernhof, bei deiner Familie, die dich loswerden wollte, weil du stur warst und zu inkompetent, den Hof zu führen, weil du nicht so viel Grips hast, weil du aufgegeben wurdest, weil man meinte, dich aufgeben zu müssen, weil es keine Lösung für dich gab, weil es für Menschen wie dich keine Lösungen gibt, selbst diejenigen, die all das von dir wissen, kennen dich nicht, weil sie nur erzählen, einfach nur erzählen. Den roten Faden müsste man finden, irgendetwas, das erklärt.

Ich versuche dich zu sehen und zweifle. Ich zweifle an mir und meiner Ausbildung, an der Theorie, an den Sinnbildern, den Stereotypen. Ich zweifle an meiner Haltung, die sich aus der Haltung anderer Menschen speist, die sicherer sind in ihren Urteilen, die dir vielleicht hätten helfen können, gegen den Zugriff dieses Geistes, der über allem hier liegt.

Ich versuche dich zu sehen, Dittmann, und sehe Leid. Ist es deines? Ich sehe Verzweiflung – sie ist der Schleier, der dich umgibt, dieses elektromagnetische Feld, das Abstoßungen und Anziehungen auslöst. Dieses Quantenfeld, das niemand jemals sehen wird, aber jetzt kann ich es spüren.

„Dann klopfen Polizisten an deine Tür, und ich sehe dein Gesicht so verzerrt, so umgegraben, wie ich es noch nicht kannte […].“

Ich versuche dich zu sehen, Dittmann, und ich sitze mit dir in deinem Zimmer, und du versuchst mir zu erklären, wie dich ein Arbeitskollege verfolgt hat, wo er sein Auto geparkt hat, unten im Hof, der leer ist, wie er dir schon seit Tagen folgt und du nicht weißt, was du machen sollst. Du versuchst mir zu erzählen, dass Mona dein Leben bestimmt, dich aushorcht, abhört, jeden deiner Schritte verfolgt, um dich fertig zu machen, während ich weiß, dass sie dies tut, um deinen Zustand einzuschätzen, um irgendwie mit dir umzugehen, und mir wird bewusst, wie wenig und wie viel Sinn das alles macht, was du erzählst.

Du versuchst mir zu erzählen, dass du jetzt deine Tabletten nehmen willst, weil du es eingesehen hast, und dann klopfen Polizisten an deine Tür, und ich sehe dein Gesicht so verzerrt, so umgegraben, wie ich es noch nicht kannte, und ich spüre etwas, das ich nicht kenne, und mir stellt sich die Frage nach der Schuld für das, was jetzt passiert. 

Ich sehe dich, Dittmann, wie du versuchst, hinter dein Bett zu klettern, dich zwischen Wand und Heizkörper verkeilst, wie die Polizisten an dir ziehen und du dich biegst wie Bambus, wie du schreist, dass sie dich loslassen sollen, wie konzentriert sie dich umzingeln, wie kompromisslos sie deinen Körper zwingen, ihnen zu folgen.

Ich sehe dich, Dittmann, wie du deinen Arm in das Bettgestellt steckst und versuchst, dich darin zu verschlingen, wie du Schmerzen aushältst, bis du schließlich aufgibst, als sie an deinem Gürtel ziehen und dieser nachgibt, auseinanderfährt und dein Unterarm schwach wird.

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Ich sehe dich und sehe mich, wie ich im Raum stehe, ein weiteres abgelebtes Möbelstück, während sie dich an mir vorbeitragen und du flehst, sie mögen dir doch bitte die Hose hochziehen.

Ich sehe dich und erkenne unweigerlich und schmerzhaft, als ich die Feuertreppe hinunterschaue und sie dich zum Krankentransport tragen und du – voller Verzweiflung – deinen Hosenbund gegriffen hast, wie wichtig und zerbrechlich Würde ist.

Und dann sehe ich weg und weiß jetzt schon, dass ich diese Erkenntnis vergessen werde, weil sie hier nicht überleben wird. ◆

Alexander Puchtler: [INST] – Geschichten über Gewalt und Behinderung, Frei!Geist Autorenverlag, Korntal-Münchingen, 2026.

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