Geek der Sterne: Faszination und Horror von Weltall-Dokus

Ein Mensch ist aus einiger Entfernung von der Seite schattenhaft vor nächtlichem, sternklarem Himmel zu sehen. (Foto: Greg Rakozy auf Unsplash)
Bild: Greg Rakozy auf Unsplash
TV-Dokus über das Weltall sind unglaublich faszinierend – und oft kaum auszuhalten. Das James-Webb-Teleskop wird es noch schlimmer machen.

Auf einen Klick: Nicht mehr aufstehen // Der Horror großer Zahlen // Wie repräsentativ ist die Erde? // In den Fressketten // Covid in Alpha Centauri //

Ein Text von:

Als kürzlich die ersten Bilder des James-Webb-Teleskops für Aufsehen sorgten, dürfte sich eine Branche ganz besonders gefreut haben: Dokumentarfilmer*innen, genauer: solche, die Dokus über das Weltall machen.

Das Teleskop liefert Bilder von Welten des Universums, die dem menschlichen Auge so bisher nicht oder nur annäherungsweise über Computeranimationen zugänglich waren. Die Bilder werden ihren Weg in neue Produktionen finden und die Faszination, die von Weltall-Dokus für viele ausgeht, noch verstärken.

Nicht mehr aufstehen

Allerdings sind Weltall-Dokus, vielleicht macht das einen Teil ihrer Anziehung aus, nicht nur faszinierend, sondern oft auch etwas ganz anderes – ein Horror sondergleichen. Der Autorin Alena Schröder scheint es ähnlich zu gehen: „Ja, wunderschön, aber wenn ich nur eine Sekunde zu lang drüber nachdenke, will ich mich auf den Boden legen und nicht mehr aufstehen“, schreibt sie auf Twitter zu den Bildern des Teleskops.

Weltall-Dokus sind häufig, der Vulgarismus sei mir verziehen, ein Hirnfick. Das James-Webb-Teleskop wird ihn noch härter machen.

Weltall-Dokus brauchen Inhaltswarnungen, finde ich: „Vorsicht, hier geht es um Fragen von so existentieller Wucht, dass Sie verstört zurückbleiben könnten. Vorm Schlafengehen sollten Sie Jenseits von Pluto besser nicht schauen.“

Ich habe Dokus abgebrochen, weil mir die Gedanken, die sie anstießen, in dem Moment zu viel wurden. Das Thema Schwarze Löcher, wie etwa in Leben wir in einem Schwarzen Loch? dargestellt, ist besonders gut darin, diese Reaktion hervorzurufen. Weltall-Dokus sind häufig, der Vulgarismus sei mir verziehen, ein Hirnfick. Das James-Webb-Teleskop wird ihn noch härter machen.

Der Horror großer Zahlen

Dabei ist es im Grunde fast schon egal, worum es konkret geht. Neben Schwarzen Löchern können astronomische Objekte und Erscheinungen wie Stern-Explosionen, Pulsare, Gammablitze, Rote Riesen oder Distanzen von Milliarden Lichtjahren in ihrer räumlichen, materiellen und zerstörerischen Gewaltigkeit besonders verstörend sein.

Der Horror großer Zahlen fängt allerdings schon im „Kleinen“ an, in unserem Sonnensystem. Die Sonde New Horizons erreichte zwar nach knapp 80 Tagen Mars und nach etwa einem Jahr Jupiter, brauchte aber fast ein Jahrzehnt bis Pluto, dem äußersten (Zwerg-)Planeten unseres Sonnensystems, etwa 6 Milliarden Kilometer von der Sonne entfernt. Zum Vergleich: Die Erde ist knapp 150 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt.

Carina-Nebel im Carina-Sternbild, aufgenommen vom James-Webb-Teleskop: eine hellbraun-goldene, kosmische "Nebelwolke", die etwa 3/4 des Bildes ausmacht. Darin und darüber sind Sterne und das teils dunkelbläuliche Schwarz des Weltalls zu sehen.
Der Carina-Nebel in einer Aufnahme des James-Webb-Teleskops (Bild: NASA/STScI)

Nur sind es nicht nur die kaum vorstellbaren, einem Menschenleben spottenden Dimensionen und Distanzen, die erdrückend sind. Fragen des „Wozu?“ und „Woher?“ (inwiefern die Urknall-Theorie letztere Frage zufriedenstellend beantworten kann, sei dahingestellt) sind es ebenso, stehen aktuell aber auch eher am Rande meines persönlichen Horrors.

Wie repräsentativ ist die Erde?

Was mir besonders zu schaffen macht, wenn ich Weltall-Dokus schaue, ist vielmehr dieser Gedanke: Wie repräsentativ ist die leidvolle Natur- und Sozialgeschichte der Erde für das Universum als Ganzes? Wo im All gibt oder gab es auch all den Schmerz, die Gewalt und die Vernichtung, die es, in ihrer ganzen Vielförmigkeit, auf der Erde gibt und gab (und noch geben wird)?

In Weltall-Dokus wird diese Frage in der Regel so nicht gestellt. Sie dürfte zu fiktiv sein und, vor allem, bei der (in den Dokus nicht seltenen) Romantisierung des Weltalls als bereisenswertes Faszinosum stören. Im Subtext lauert sie mir aber ständig auf. Wie soll sie sich ausblenden lassen, wenn die Erde mit ihren biologischen und sozialen Ordnungen bloß winziger Bestandteil von etwas ungeheuerlich Großem ist, das seit über 13 Milliarden Jahren existiert und weiter wächst?

In den Fressketten

Der These, dass die Menschheit „im Grunde gut“ sei, wie der deutsche Titel eines Buchs des Historikers Rutger Bregman heißt, kann ich intellektuell viel abgewinnen. Ich kann sie zudem nachfühlen, in Beziehungen zu anderen Menschen.

Jedoch ist die Menschheitsgeschichte ganz wesentlich auch eine Schmerz- und Gewaltgeschichte. In all den Formen, in denen Gewalt als Ausdruck sozialer Interaktion stattfindet, nicht nur körperlich und kriegerisch, auch institutionell, sprachlich, seelisch. Drastisch und subtil, Ukraine-Krieg und Gaslighting.

Das ebenso gigantische, tagtäglich von Menschen an Tieren verübte Leid ist hier noch zu addieren.

In erheblichen Teilen lässt sich die Menschheitsgeschichte als Behauptungs- und Unterdrückungsgeschichte lesen, als eine Geschichte über das individuelle und systemische Ermöglichen, Gewähren und Wegnehmen von Lebenschancen. Ein Beispiel dafür im Großen ist etwa der auch heutige Machtstrukturen noch speisende Kolonialismus, im Kleinen sind es Väter, die ihren Söhnen Männlichkeitsvorstellungen einflüstern und einprügeln.

Bei, Schätzungen zufolge, rund 100 Milliarden Menschen, die bisher auf der Erde gelebt haben, kommt da viel Schmerz zusammen – auch abseits von Kriegen. Das ebenso gigantische, tagtäglich von Menschen an Tieren verübte Leid ist hier noch zu addieren.

Covid in Alpha Centauri

Dabei braucht es Gewalthandlungen von Menschen untereinander und ihrer Umwelt gegenüber gar nicht, um die Erde als Leidkugel zu lesen. Der Schmerz wächst in anderer Form ja von selbst, aus der natürlichen Ordnung heraus, ganz ohne menschliches Sozialverhalten. Seit eh und je reißen sich Tiere in Stücke, fressen sich Krankheiten durch Lebewesen. Krebs. Pocken. Covid. Die Erde als Hüpfburg von Viren, als Versuchsanstalt für Genmutationen, in meinen Lymphknoten zum Beispiel.

Ist das auch in fremden Galaxien so, die sich in Weltall-Dokus bestaunen lassen? War es einmal so, wird es einmal so sein? Was geht epidemisch gerade in Alpha Centauri vor sich, dem Doppelsternsystem, das unserem Sonnensystem am nächsten ist und erdähnliche Planeten aufweisen könnte? Nichts oder Omikron Ultra?

Noch eine Schippe drauf

Natürlich, das ist alles sehr spekulativ, furchtbar weit weg und von der Erde aus betrachtet für die meisten Menschen wohl eher ein, wenn überhaupt, abstrakter Horror, für den es einen guten Schuss Fantasie braucht. „Manches will man gar nicht so genau wissen“, sagt meine Freundin, als ich ihr von diesem Text erzähle.

Auf vliestext geht es um Kultur und Gesellschaft. Folgen kann man auf Instagram, Bluesky, Mastodon und per Newsletter:

In dem Fall ist es vielleicht ratsam, um Weltall-Dokus und die Bilder des James-Webb-Teleskops einen Bogen zu machen. Anstatt eines dem Optimismus zuneigenden Schlusses, der mir hier, angesichts all des ins Weltall projizierten Schreckens irdischen Seins, beim besten Willen nicht möglich ist, lege ich noch eine Schippe drauf:

Wenn ich daran denke, dass dieses Universum nicht das einzige sein könnte, dass es Paralleluniversen geben und sich dadurch der Horror des oben Angerissenen noch potentieren könnte, dann möchte ich mich vollends, wie Alena Schröder schreibt, „auf den Boden legen und nicht mehr aufstehen.“ ◆

Kaffeekasse

Sie haben hier etwas gelernt, sich informiert oder unterhalten gefühlt und wollen neuen Texten beim Wachsen helfen? Dann geben Sie uns doch einen Kaffee aus:

Autor

Share
You May Also Like