Auf einen Klick: „Sibyl Vane has great jeans“ // Am Puls der Zeit // Dorian Gray und Ambrosia // Der „Hypermensch“ // Frankenstein lässt grüßen // KI essen Seele auf // Stirbt die Zukunft?
„Sibyl Vane has great jeans“, ist im Theaterstück Pretty Privilege als Werbespruch zu lesen, der eine Hauptfigur anpreist. Das Wortspiel „great jeans“ arbeitet mit der Lautgleichheit von „jeans“ und „genes“ im Englischen und lässt sich, wenn man es lediglich hört, mit „gute Gene“ übersetzen.
Gleich denkt man an die als normschön lesbare US-Schauspielerin Sydney Sweeney (weiß, blond, schlank, große Brüste) und ihre viel kritisierte American-Eagle-Jeans-Werbung von 2025, die auf demselben Wortspiel fußt. „White Supremacy lässt Kasse klingeln“, schrieb auf Bluesky dazu die Journalistin und Autorin Rebekka Endler. Von der Hand weisen lassen sich die eugenisch-rassistischen Untertöne in der Tat nicht.
Am Puls der Zeit
Die Szene in Pretty Privilege ist ein direkter Bezug auf die Sweeney-Werbung und sagt einiges über das von Wilke Weermann inszenierte, mit knapp 100 Minuten womöglich leicht überlange Stück. Zum einen über seine Themen (Schönheitsideale und Körperlichkeit), zum anderen über seine Aktualität.
Viele der Schüler*innen, die Mitte Februar (kurz nach der Uraufführung) mit mir im vollbesetzten Stuttgarter Kammertheater saßen, dürften den Bezug auf Sydney Sweeney gleich verstanden haben, dem Tuscheln nach zu urteilen. Wenn Jugendliche Anspielungen sofort erkennen, ist ein Theaterstück wohl am Puls der Zeit, zumindest an dem der Jugend.

Auch an anderen Stellen wird deutlich, wie sehr Pretty Privilege im Jetzt steht. Mitunter wirkt es, als laufe ein Social-Media-Feed ab. Themen und Schlagworte, die im Stück verhandelt oder gestreift werden, sind Selbstoptimierung und Körperkult, Tech-Faschismus und Überreichtum sowie Datengläubigkeit und „longevity“, das Streben nach einem möglichst langen, gesunden Leben.
Inmitten davon geht es auch und ganz besonders um die sogenannte Künstliche Intelligenz (KI), wie unten noch deutlich wird.
Dorian Gray und Ambrosia
Zunächst sei die Handlung umrissen: Die schon erwähnte Sibyl Vane (gespielt von Teresa Annina Korfmacher) will eine berühmte Schauspielerin werden und wendet sich dazu an Dorian Gray (Tim Bülow) und sein „Ambrosia-Programm“. Es erstellt einen normschönen KI-Avatar von Sibyl („Sibyl-2“), der für sie in Filmen und Werbespots auftritt. Ja, richtig gelesen, in Pretty Privilege heißt eine Figur „Dorian Gray“, wie in Oscar Wildes Roman The Picture of Dorian Gray (1891).
Das Stück sei eine zeitgenössische Überschreibung des Romans, schreibt Dramaturg Benjamin Große im Programmheft. Neben Sibyl und Dorian sind Basil (Sebastian Röhrle) und Henry (Felix Jordan) namentlich aus dem Roman bekannte Figuren. Henry ist hier jedoch kein Lord, sondern ein dank seines Ambrosia-Avatars in der Öffentlichkeit omnipräsenter Intellektueller, der Frauen gern ins Wort fällt.
Der „Hypermensch“
Henry sitzt nicht leibhaftig in jeder Talkshow – sein Avatar sitzt für ihn dort. Er selbst verbringt seine Zeit, körperlich mutierend, in Dorians Anwesen, das wie eine Mischung aus Palast, OP-Saal und Fleischerei anmutet. Basil nennt es „einen Ort jenseits des Todes“.
Das Design trifft die Themen des Stücks außerordentlich gut. Die von Johanna Stenzel gestaltete Bühne ist vielleicht, auch durch die gekonnte Einbindung multimedialer Inhalte, der heimliche Star in Pretty Privilege. Allgemein nimmt das Stück visuell sehr ein, von manchen Farben und Bildern kann man kaum genug bekommen (Kostüme: Teresa Vergho).

Und Basil ist hier kein Maler, wie im Roman, sondern eine Art Manager und Bio-Daten messender Fitness-Coach für Dorian. Dieser gilt als „most measured man“ und sagt von sich, der „gesündeste Mensch auf diesem Planeten“ zu sein.
Dorian – muskelbepackt, blauäugig, blond – tritt im Stück immer fast nackt auf, nur mit einer weißen Unterhose und Socken bekleidet. Einmal fällt der Begriff „Hypermensch“, der besonders für Dorian passt.
Frankenstein lässt grüßen
Nicht weit davon entfernt sind Friedrich Nietzsches „Übermensch“ und damit auch der „Herrenmensch“ der NS-Ideologie. Dass alle Hauptfiguren, bis auf Sibyls widerspenstige Schwester Jane (Mina Pecik), wasserstoffblonde Haare und eisblaue Augen haben, passt ebenfalls in diese der Eugenik zuneigende Bildwelt.
Jane ist ein Fremdkörper, vielleicht ist sie der Anfang vom Ende. Mit Blick auf die Logik des Plots mögen sich manche Zuschauer*innen allerdings gefragt haben, warum ihr, der Unruhestifterin, nicht irgendwann der Zugang zum Anwesen verwehrt worden ist. Dort sieht man den übrigen Figuren beim allmählichen Zerfall zu, als seien sie missglückende Live-Experimente, unterbrochen von Reparaturversuchen.

Haut wird herumgetragen, Körpersaft läuft aus; Basils Schulter scheint deformiert, Henry wachsen grinsende Münder aus der Brust. Pretty Privilege hält eine ordentliche Portion Body-Horror parat, Frankenstein lässt grüßen.
Auch die Avatare funktionieren nicht einwandfrei, Glitches schleichen sich ein. An einer Stelle wirkt es gar, als entwickelten sie ein eigenes, renitentes Bewusstsein.
KI essen Seele auf
„Wilke Weermanns Überschreibung schält das zentrale Thema Oscar Wildes neu heraus: die Frage nach dem Verhältnis von äußerer Erscheinung und innerer Wahrheit“, schreibt Benjamin Große.
Die äußere Erscheinung, das ist im Stück der scheinbar perfekte KI-Avatar, mit dem Sibyl und Henry in der Welt bekannt sind. Die innere Wahrheit, das ist der Zerfall ihres ursprünglichen Ichs, seelisch wie physisch, in Dorians Domizil.
Passenderweise lässt sich ein zentraler Aspekt von Pretty Privilege mit dem Titel eines anderen Stücks greifen, das zurzeit ebenfalls beim Schauspiel Stuttgart zu sehen ist: KI essen Seele auf (Orphai). Auch in Pretty Privilege werden Seelen gegessen, durch die Auslagerung von Formen menschlichen Seins an eine vermeintlich intelligente Technologie. Der Mensch verliert sich.
Stirbt die Zukunft?
In diesem Zusammenhang wirft das Stück ebenso die Frage nach der Idee von Zukunft auf. Wenn Menschen ihr (öffentliches) Denken, Schaffen und Arbeiten an eine KI outsourcen, kann die Zukunft dann noch Neues bieten, im Sinne schöpferischer Innovation? Oder stirbt sie in gewisser Weise?
Der gegenwärtige Diskurs zur Künstlichen Intelligenz legt nahe, dass KI-Technologien, gerade die Bildgeneratoren, nichts wirklich Neues schaffen, sondern nur das verwursten können, was bereits von Menschen erdacht und geschaffen wurde.
Der Suchblick einer KI ist nicht ins Zukünftige gerichtet, sondern ins Vergangene, weil dorther die Daten stammen, mit denen sie gemäß ihrer von Menschen bestimmten Programmierung arbeitet (was oft ein Diebstahl ist, das Gegenteil von Innovation). Der Bildforscher Roland Meyer spricht, auch im Kontext aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen wie der Faschisierung, von „Nostalgiemaschinen“ und „Klischeeverstärkern“.
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In Summe: Pretty Privilege schafft es, den Dorian-Gray-Stoff mit tollem, stark gespieltem Theater ertragreich ins Jetzt zu übersetzen und ihm eine scharfe Kritik an Künstlicher Intelligenz und unserem Umgang damit einzuweben.
Das ist heute, wo man an jeder Ecke mit KI belästigt wird und der Widerstand dagegen wächst, eine Wohltat. So sah es wohl auch das Publikum im Stuttgarter Kammertheater: Es gab viel Applaus. ◆
Die weiteren Aufführungstermine von Pretty Privilege sind hier zu finden.
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