Wie klingt Wald? Das Gras wachsen hören in „Future Forest“

In schwarzer Regenkleidung steht die Komponistin Kirsten Reese in einer Baumgruppe und berührt die Rinde eines Baumes. Sie trägt Kopfhörer. (Foto: Marc Folcher)
Die Komponistin Kirsten Reese beim Sammeln von Klängen (Foto: Marc Folcher)
Wie fruchtbar der Austausch zwischen Wissenschaft und Kunst sein kann, wurde beim Stuttgarter ECLAT-Festival deutlich. Das Konzert „Future Forest“ verband Ökoakustik mit der Instrumentalmusik des Freiburger Ensemble Recherche und führte Zuhörer*innen ins Reich des Waldes.

Auf einen Klick: Waldbaden ohne Wald? Birding ohne Vögel? // Ein Morgen im März // Waldschnepfe meets Ensemble Recherche // Ein Highlight des ECLAT-Festivals // Umweltbildung in Zeiten der Klimakrise

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Waldbaden ohne Wald? Birding ohne Vögel? Klingt unmöglich, hat das Konzert „Future Forest“ aber möglich gemacht, in gewisser Weise. Anfang Februar fand die Uraufführung statt, während des ECLAT-Festivals im Stuttgarter Theaterhaus.

Das Festival behauptet auf seiner Website von sich, seit „über 40 Jahren für eine große Offenheit gegenüber allen Strömungen neuer Musik, für Risikofreude und die Lust am Unerwarteten“ zu stehen.

Future Forest passt da gut rein. Ich saß noch nie in solch einem Konzert und vermute, es ging vielen im vollbesetzten Saal so. Es war, im Zusammenspiel mit dem Freiburger Ensemble Recherche und dem SWR-Experimentalstudio, ein großes Rascheln, Tschilpen, Rauschen und Zwitschern, eine Vogelhochzeit im Waldpalast, ein Fest der Ökoakustik.

Ein Morgen im März

„Raumkomposition in 12 Szenen für Ensemble, Elektronik und Text-Projektion“ lautet der Untertitel von Future Forest. Die Szenen tragen Namen wie „Ein Morgen im März“, „Allmende–Moos–Kaiserstuhl“ oder „Mähderklinge“.

Aus allen Jahreszeiten sind vielerlei Pflanzen- und Tiergeräusche zu hören, aufgenommen an verschiedenen Orten Baden-Württembergs, vor allem im Schwarzwald, und am Grand Vetron der Vogesen. Aus allernächster Nähe, an Baumrinden, im Erdboden und im Wasser, mit Hilfe von Hydro-, Kontakt- und Sensormikrofonen. Man hört förmlich das Gras wachsen – und Bäume an der Klimakrise leiden.

Darin hineingewoben war Text, der unter anderem nach der Zukunft des Waldes und dem Verhältnis des Menschen zum Wald fragte. Die wissenschaftliche Fundierung des Konzerts machte sich auch darin bemerkbar, dass von Ansätzen wie der „akustischen Adaptionshypothese“ zu lesen war.

Waldschnepfe meets Ensemble Recherche

Die Mikrofone aufgestellt haben Kirsten Reese und Sandra Müller. Reese ist Komponistin und Klangkünstlerin und Müller Biologin an der Uni Freiburg. Als Expertin für Ökoakustik erforscht sie die Biodiversität von Ökosystemen an deren Klangbildern.

Zusammen mit acht Musiker*innen des Ensemble Recherche transformieren sie die Aufnahmen künstlerisch und verschmelzen sie zu einem knapp einstündigen Dialog zwischen Natur und Musik. Die Komponistin Reese spricht von Abstraktionen und Übersetzungsprozessen. Fichte, Käfer und Waldschnepfe treffen akustisch auf Flöte, Violine und Perkussion, neben anderen Klängen.

Ein Highlight des ECLAT-Festivals

An einer Stelle stehen Instrumente sogar für Baumarten, um Unterschiede in der Biodiversität von Waldtypen klanglich zu verstärken. Nutzwälder klingen nämlich eintöniger als biodiversere Wälder. Manchmal sind unterschwellig, als Element der Aufnahmen, auch Flugzeuge und Kirchenglocken zu hören.

In der Summe entsteht so eine Klanglandschaft, die, wollte man sie verschlagworten, neben moderner Klassik Spuren von Genres wie Ambient und Drone aufweist. Mit der Einschränkung, dass es bei Future Forest, durch die stilistische Ausrichtung des Ensemble Recherche, weniger elektronisch zugeht. Hier und da fühlte ich mich auch an avantgardistischen Jazz erinnert.

Das Konzert im Stuttgarter Theaterhaus war im besten Sinne kurzweilig und ein Highlight des diesjährigen ECLAT-Festivals. Das Rauschen der Wälder, das Tschilpen der Vögel und das Können des Freiburger Ensemble Recherche blieben noch lange im Ohr.

Umweltbildung in Zeiten der Klimakrise

Dass über Texttafeln Informationen zum Gehörten und wissenschaftliche Hintergründe zur Ökoakustik geliefert wurden, war gut – und wohl auch nötig. Das Hörerlebnis könnte womöglich für sich allein stehen, gewinnt durch den Text aber an Wert. Darüber hinaus hilfreich fürs Verständnis hätte eine Anmoderation sein können, die den wissenschaftlichen Kontext des Konzerts direkt zu Beginn kurz erläutert.

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Wertvoll dürfte Future Forest auch für die Umweltbildung sein. So lässt sich gut vorstellen, wie etwa Schulklassen das Konzert besuchen und im Unterricht über die per Text aufgeworfenen Fragen zum Verhältnis Mensch-Wald diskutieren. Ob Vögel nicht nur aus Gründen der Kommunikation, sondern auch aus Lebensfreude singen, dürfte ebenfalls eine interessante Frage aus dem Konzert sein, nicht nur für Schüler*innen.

Future Forest ist nicht zuletzt ein Beispiel dafür, wie fruchtbar der Austausch zwischen Wissenschaft und Kunst sein kann. Dass es laut Ensemble Recherche als eines ihrer Freiburger Abo-Konzerte für die Saison 26/27 geplant ist, ist sehr zu begrüßen. ◆

Ein Gespräch mit Kirsten Reese und Video-Ausschnitte vom Konzert sind auf der ECLAT-Website hier zu finden. Mehr zum Ensemble Recherche und seine Termine steht hier.

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