Gut für die Moral: Anne Rabe im Literaturhaus Stuttgart

Anne Rabe in München 2023 (Foto: Amrei-Marie, CC BY-SA 4.0)
Anne Rabe 2023 in München (Foto: Amrei-Marie/CC BY-SA 4.0)
In Stuttgart las Anne Rabe aus ihrem Buch „Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral“. Auch Hannah Ahrendt war dabei. Doomerism hatte keine Chance.

Auf einen Klick: Wider die Ohnmacht // Die Macht der Astrid Lindgren // Was ist „Moral“? // Es gibt Hoffnung

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Mut mache das Gespräch mit ihr, sagt Matthias Bormuth am Ende von Anne Rabes Lesung im Literaturhaus Stuttgart. Bormuth ist Professor für Ideengeschichte und moderiert die Veranstaltungsreihe „Ach! Hannah Arendt“, in der Rabe ihr Essay-Buch Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral vergangene Woche vorstellte. Die Autorin sieht darin einen „Versuch zu verstehen, welche Welt uns droht abhanden zu kommen.“ Moral sei zu einem Unwort geworden.

Mut kann man immer, derzeit aber besonders gut gebrauchen. In den USA wütet das Trump-, in der Ukraine das Putin-Regime; in Deutschland stümpert Merz; der Iran tötet seine Bevölkerung, Israel die in Gaza. Und, über allem, die Klimakatastrophe. 2026 fühle sich schon jetzt alt an, sagt Rabe im vollbesetzten Großen Saal des Literaturhauses und dürfte damit vielen der etwa 120 Zuhörer*innen aus der Seele sprechen.

Wider die Ohnmacht

Doomerism aber, also die fatalistische Weltsicht, dass eh schon alles verloren sei und man nichts mehr machen könne, hatte keine Chance auf der Lesung. Das wurde gleich zu Beginn deutlich. Man dürfe dem Gefühl der Ohnmacht nicht anheimfallen, sagt Anne Rabe, die auch als Dramatikerin arbeitet und deren erster Roman Die Möglichkeit von Glück 2023 erschien. Das Erzeugen von Ohnmachtsgefühlen sei eine Herrschaftsmethode, um gesellschaftlichen Widerstand zu brechen.

Im ersten von drei Leseteilen liest Rabe aus dem „Vorbemerkung“ genannten Abschnitt des Buches vor, der bereits einen Kerngedanken ihres Essays offenlegt, nämlich den, dass soziale Verhältnisse gestaltbar und nicht für immer festgeschrieben sind. Das mag banal klingen, ist jedoch essentiell wichtig und wird von manchen gern vergessen. Auch deswegen, weil andere daran arbeiten, dass es vergessen wird. „Wir haben die Möglichkeit, die Welt mit unseren Gedanken zu verändern“, heißt es im Buch.

In den anderen zwei Leseteilen geht es um die Wirkung der AfD im sächsischen Weißwasser und um den „Asylkompromiss“ der 90er-Jahre. Weitere Themen des facettenreichen Buches sind etwa die Migrationspolitik, der Umgang mit Armut und sexualisierte Gewalt gegen Frauen.

Die Macht der Astrid Lindgren

Als Aufhänger für die weltverändernde Kraft von Gedanken nutzt Rabe eine politisch einflussreiche Rede der Schriftstellerin Astrid Lindgren von 1978, als diese mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. In der Rede (Titel: „Niemals Gewalt“) geht es um die gewaltfreie Erziehung von Kindern, als Wert an sich und als Schritt hin zu einer friedlicheren Welt.

„Wer moralische Ansprüche daran misst, ob sie bereits Wirklichkeit sind, verkennt die Kraft dieser Ideen und auch das Potiental unserer Fantasie“, schreibt Rabe darauf bezugnehmend. Und an anderer Stelle im Buch heißt es: „Unsere Moral, die Organisation von Gesellschaft und auch unsere Vorstellungen von Gerechtigkeit sind wandelbar.“

Dieser Konstruktivismus prägt auch Rabes Auftritt in Stuttgart. Von „Utopie als Methode“ (statt als Ziel) ist die Rede, ein Ansatz der Soziologin Ruth Levitas zur imaginären Neuordnung von Gesellschaften. Utopisches sei auch in Hannah Ahrendts Denken zu finden, sagt Matthias Bormuth.

Er ist angetan von Rabes Essay – findet, dass man der Autorin „ins Herz“ blicken könne – und verknüpft ihn mit dem Leben und Werk der politischen Theoretikerin Ahrendt. Unter anderem geht es dabei um „das Wagnis der Öffentlichkeit“ und das Verhältnis von Freundschaft und Politik.

Was ist „Moral“?

Sicher, dieser Fokus auf Ahrendt ist ganz im Sinn der Veranstaltungsreihe. Er führt hier aber auch dazu, dass Kritik am Buch ausbleibt. Nicht dass es sie auf Lesungen zwingend bräuchte oder dass viel zu kritisieren wäre: Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral ist ein Essay-Band und muss sich als solcher nicht an denselben Maßstäben messen lassen wie ein Sachbuch im engeren Sinn.

Ein Punkt allerdings hätte kritisches Nachhaken seitens Bormuth verdient – was „Moral“ eigentlich ist. Eine wirkliche, bündige Definition liefert Anne Rabe im 200 Seiten langen Buch nicht, trotz seines provokanten Titels und der Diagnose von Moral als Unwort. Beim Lesen entsteht der Eindruck, als wisse jede*r, was moralisch richtiges Handeln sei und als gäbe es nur eine Form davon.

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Jene Form, die vor allem durch den Universalismus der Menschenrechte geprägt ist. „Die Gewissheit, dass alle Menschen gleich an Wert sind, muss der Anker sein für unser Denken und Handeln“, heißt es im Essay. Die Uneindeutigkeit des Begriffs, nicht zuletzt im globalen Kontext, kommt nicht zur Sprache. Was für manche moralisch richtig ist, muss es nicht für andere sein. Das hätte auch Thema im Literaturhaus sein können; Hannah Ahrendt hätte dazu wohl etwas zu sagen gehabt.

Es gibt Hoffnung

Trotzdem ist der Abend gelungen. Die Anwesenden erleben eine engagierte Anne Rabe, die beste Werbung für ihr im Buch vertretenes Anliegen macht, der Moral endlich wieder mehr Geltung in Gesellschaft und Politik zu verschaffen. Matthias Bormuths Zuschreibung, dass Rabe eine öffentliche Anstifterin dafür sei, Geschichten zu erzählen, trifft zu.

Für ihre These von der gegenwärtigen Verachtung der Moral spricht viel, wie schon ein Blick auf das Trump-Regime und, damit zusammenhängend, die Herrschaft der Milliardäre zeigt. Gleichzeitig gäbe es aber auch Hoffnung. Rabe sieht sie zum Beispiel in Ostdeutschland, wo sich Menschen gegen die Rechten zusammenschließen und CSDs veranstalten. Deutschlands stärkste Kämpfer*innen der Demokratie seien im Osten zu finden.

Hoffnung macht auch, siehe Minneapolis, der Widerstand der US-amerikanischen Zivilgesellschaft gegen die Faschisierung ihres Landes. Vielleicht startet die Moral gerade ein Comeback. ◆

Anne Rabe: Das M-Wort. Gegen die Verachtung der Moral, Klett-Cotta, Stuttgart, 2025. Weitere Termine der Veranstaltungsreihe „Ach! Hannah Arendt“ im Literaturhaus Stuttgart sind hier zu finden.

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