Vor rund einem Jahrzehnt – oder vielleicht ist es noch länger her – habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, zu jedem Buch, das ich gelesen habe, eine kleine Besprechung zu schreiben. Sie dient mir vor allem als Erinnerungshilfe, aber auch als Mittel, mir bewusst zu machen, was ich gelesen habe.
Ich lese Bücher als Autorin und Privatperson, nicht als Feuilletonistin. Meine Kurzrezensionen, wie ich sie unbeholfen nenne, sind daher bloß ungeordnete Gedanken, die ich vor allem für meine Instagram-Follower aufschreibe. Hier auf vliestext finden sie nun auch ein Publikum.
Zuweilen fühlt sich dieser Akt des Nachdenkens und Schreibens wie eine Pflicht an, mit der ich einfach nur „durch“ sein möchte. Zum Glück aber nur zuweilen.
Alle Beiträge der Reihe „Durch!“ finden sich hier.
#13 Lisa Kränzler: Coming of Karlo
Auf einen Klick: Wo die Sprache aufhört // Von Verletzlichkeit überwältigt // Ein Anti-Entwicklungsroman // Kontakt mit dem Jenseitigen // Auf der Suche nach Worten // Ein Roman, der kein Maß kennt // Das Unmögliche schaffen
Womit soll man anfangen? Diese Frage geisterte bereits in meinen Gedanken herum, noch bevor ich Lisa Kränzlers Coming of Karlo zu Ende gelesen hatte. Womit anfangen bei einem Buch, das nicht an traditionellen ästhetischen Maßstäben gemessen werden kann? Bei einem Buch, das sich selbst zur Messlatte macht und dadurch jenen Literaturbetrieb brüskiert, der der Autorin Manierismus und Effekthascherei unterstellt?
Ich habe lange mit mir gerungen. Dieser Roman hat mich in Ekstase versetzt, mich abgestoßen, aufgegeilt, tödlich genervt, befriedigt, geschafft und mich im Moment der Katastrophe mit einem eigentlich unmöglichen Fund sprachlos gemacht: Dort nämlich, wo die Sprache aufhört, hat Kränzler sie gefunden. Ist diese göttliche Erzählung (religiöse Bezüge sind im Werk zentral) zu viel? Ja, ist sie! Ist das Buch lesbar? Teilweise kaum. Ist der Roman spannend? Nein.
Warum lohnt es sich dann, ein so schrecklich langes, unhandliches, schweres Buch zu lesen, das kein Maß kennt und nicht ein einziges Rezipient*innenbedürfnis befriedigen will?
Von Verletzlichkeit überwältigt
Vielleicht, weil alles daran unbedingt ist – so unbedingt, wie man als Autor*in nur schreiben kann. Wenn man daher über Coming of Karlo (Kränzler nutzt auch CoK als Kürzel) etwas Sinnvolles sagen möchte, könnte der Ausgangspunkt aller Überlegungen womöglich die Dringlichkeit und Konsequenz sein, mit der Kränzler über 600 Seiten lang erzählt und gestaltet.
Die Handlung ist schnell umrissen: Der siebzehnjährige Karlo befindet sich in einer Identitätskrise. Wegen einer schweren Fußballverletzung leidet er unter chronischen Schmerzen, und als wäre das nicht bereits genug, muss er auch noch herausfinden, dass sein Vater nicht sein Vater ist. Karlo, der sich um sein Glück gebracht fühlt, nimmt dies zum Anlass, um ganz auf Kosten seiner Mitmenschen zu leben.
Als er in der Schule schließlich die neue Mitschülerin Gwen kennenlernt, gerät seine Welt wiederholt ins Wanken: Er verliebt sich Hals über Kopf in sie. Von dem neuen Gefühl, das ihn an seine Verletzlichkeit einmal mehr gemahnt, überwältigt, changiert er zwischen Ekstase und Verlustangst. Die anfängliche Glückseligkeit weicht aber schon bald einer zunehmenden Eifersucht, die seine Gedanken vollständig infiltriert – mit katastrophalen Folgen.
Ein Anti-Entwicklungsroman
Im Klappentext fällt das Stichwort „toxische Männlichkeit“, ein Begriff, der verkaufsstrategisch plausibel und legitim, zugleich aber auch irreführend ist. Politische Schlagworte sind nämlich nichts, was in der Welt und der Sprache des Romans verkommen würde – einen großen Dank dafür vorab an den Malerdichter (Eigenbezeichnung Kränzlers).
Offengestanden bin ich mir nicht einmal sicher, ob Kränzler überhaupt daran gelegen ist, ihren Texten eine explizit politische Schlagseite zu verpassen. Beim Lesen könnte dieser Eindruck zwar durchaus entstehen, nicht zuletzt auch, weil die Figuren, die darin auftauchen, aus denselben gesellschaftlichen Strukturen wie die Leser*innenschaft erwachsen sind.
Allerdings liegt der Fokus der Geschichte an völlig anderer Stelle: nicht auf der Welt und dem, was sie im Inneren zusammenhält, sondern auf dem Romanpersonal selbst, auf der übergeordneten Frage, wie es die eigenen inneren Zustände versprachlichen kann. CoK ist daher eine Leidens-, womöglich sogar eine moderne Passionsgeschichte über Menschen, die sich einander zumuten, sowie ein Anti-Entwicklungsroman.
Kontakt mit dem Jenseitigen
Beide Ebenen, die Versprachlichung des Leids und die Stagnation, sind konstitutiv für den Text. Karlo sowie alle anderen Figuren des Romans befinden sich in einer durch und durch bedingten Welt, in der eine Expansion faktisch unmöglich ist.
Diese Welt ist hierbei nicht nur durch ihre Lokalisation in einem schwäbischen Dorf eng definiert, sondern auch durch ihr fragiles Ensemble, das die eigenen Konflikte kaum zu bewältigen weiß und dadurch unfähig ist, seiner Umwelt auf Augenhöhe zu begegnen: ob es Karlo ist, den die Erkenntnis über seine Vulnerabilität heillos überfordert, die alkoholkranke Mutter, die den Suizid von Karlos Vater nie verwunden hat, Mel, die nach der Anerkennung und Liebe einer Person trachtet, von der nichts zu bekommen ist, Gwen, die in ärmlichen Verhältnissen lebt, oder Stiefvater Frank, der sich eine spießbürgerliche Idylle mit einer psychisch hilfebedürftigen Frau errichten will, die ihn verachtet.
„Vor allem an der Sprache wird die Misere der Figuren exemplifiziert, die ihre inneren Zustände entweder nicht in Worte fassen können oder wollen (die Grenzen verschwimmen).“
Immer wieder versuchen die Figuren daher, mit dem Jenseitigen Kontakt aufzunehmen. Sie träumen von Reisen nach Teneriffa, machen „einen Gedanken-Ollie von Deutschland nach Chile“ (S. 341), schwelgen in Erinnerung ans Verlorene, treten mit religiösen Figuren in Kontakt und sprechen eine Sprache des Weltbezugs, in der nicht auf sich selbst, sondern mit manischem Eifer auf das Außen referenziert wird (es gibt hunderte Vergleiche in diesem Text).
„Karlo zieht die Stichwaffe aus seiner Brust, entfernt den Schreibdolch mit einem schnellen Ruck. Die Wunde ist ein kreisrundes, etwa 1 cm tiefes Loch. Pulp Fiction. Adrenalinspritze. Karlo Wallace, Gwen Vega? Sanguinisch quillt das Rund, trinken Textilfasern bilirubinroten Saft.“ (S. 83)
Die Gefahr ungefilterter Wahrheit
Vor allem an der Sprache wird die Misere der Figuren exemplifiziert, die ihre inneren Zustände entweder nicht in Worte fassen können oder wollen (die Grenzen verschwimmen). Sie leiden unter den Konflikten, die die Welt und das bloße Menschsein ihnen aufbürdet, wollen sich aber keine direkte Auseinandersetzung zumuten, mit der sie Gefahr liefen, auf eine ungefilterte Wahrheit zu stoßen. Infolgedessen externalisieren sie nicht nur ihre Erfahrung der Zumutung auf ihre Mitmenschen. Sie vergleichen und verweisen alles von sich und ihrer unmittelbaren Umwelt weg.
„Schüler sprudeln aus der Betonkirche wie Bier aus einem angestochenen Faß.“ (S. 138)
„Am Himmel glimmt die Glut von Gottes Morgenzigarette: kreisrund.“ (S. 216)
„Oder ist ,Ich liebe dich‘ einer dieser Sätze, die nicht wortwörtlich zu verstehen sind und eigentlich etwas ganz anderes bedeuten? Was gesteht man da wirklich und warum fällt es so schwer? Es fällt so schwer, weil ,lieben‘ ein euphemistisches Verb ist, der Mummenschanz im Moment des Geständnisses jedoch nichts nützt, den Sprecher ebenso wenig tarnen kann wie ein Camouflage-Anzug den Soldaten, wenn dieser sich Auge in Auge mit dem Feind befindet.“ (S. 330)
Ich habe jetzt beliebige Zitate herausgepickt, es hätten aber auch tausende andere Beispiele sein können, gibt es doch keine einzige Seite im Buch, die ohne einen Vergleich, eine Referenz, eine Fantasie oder Metapher auskommt. Häufig ermüdete, um nicht zu sagen nervte mich die Sprache. (Vor allem an den maßlosen Einsatz von wie-Vergleichen nahm ich Anstoß, von denen man allein auf den Seiten 320 bis 321 sechs findet – kein Anspruch auf Vollständigkeit.)
„Wo sie sich selbst und ihre hermetische Welt vom Leib zu halten versuchen, suchen sie in der gleichen Bewegung Worte, um sich ihren Nächsten verständlich und ihr Leid erträglich zu machen.“
Zunächst habe ich es als einen ärgerlichen handwerklichen Mangel betrachtet, mir gedacht, dass die Dinge auch einfach mal so bleiben dürfen, wie sie sind, dass nicht alles eines entfremdenden Vergleichs bedarf – etwas, das vielleicht auf den*die Leser*in zutreffen mag, nicht aber auf die Figuren selbst, können sie doch die Wucht ihres Gefühls- und Welterlebens nur abfedern und mithin aushalten, indem sie auf Distanz gehen.
Die Sprache, mit der die Figuren erzählt werden und sich selbst erzählen, ist sowohl Abwehr in einem klassisch psychoanalytischen Sinne als auch Äußerung einer tiefen Bedürftigkeit. Denn wo sie sich selbst und ihre hermetische Welt vom Leib zu halten versuchen, suchen sie in der gleichen Bewegung Worte, um sich ihren Nächsten verständlich und ihr Leid erträglich zu machen.
Ein Roman, der kein Maß kennt
Das ist ein Grund für den Umfang und vor allem für die buchstäbliche Schwere des Buches; ein anderer, dass es dort, wo man Leerstellen erwarten könnte, alles ausbuchstabiert. Dieser Roman kennt nicht bloß kein Maß. Auch Subtilität wird bei ihm kleingeschrieben.
Grundsätzlich zeigt Lisa Kränzler kein großes Interesse an klassischem schriftstellerischem Handwerk. Erzählperspektiven werden nach Belieben gewechselt, die Figuren, unabhängig von Alter und Bildungsherkunft, mit Universalwissen ausgestattet, Sprache dergestalt nivelliert, dass die Figurenrede homogen wirkt, Wiederholungen hingenommen – selbst Gott zeigt sich im Roman von der ewigen Wiederkunft des Gleichen angeödet – und alle Dinge benannt statt gezeigt.
Gewiss, man könnte darin ebenso wie in den wie-Vergleichen handwerkliche Schwächen sehen, oder aber verstehen, dass der Demiurg dieser Erzählung sich nicht nach äußeren Prinzipien richtet, sondern seine eigene Schöpfung zum Prinzip erhebt – etwas, worin dieses Buch in all seiner Externalisierungswut herrlich selbstbezüglich ist.
Leid ist laut
Show, don’t tell, mögen manche nun einwerfen. Beim Leid? Ernsthaft? Leid ist für diejenigen, die damit fertig werden müssen, niemals leise. Es ist laut, permanent, omnipräsent so wie Gott, der, wenn man der christlichen Lehre Glauben schenken will, überall ist (wir vertrauen darauf lieber nicht, aber lest lieber das Buch, insofern euch Fragen der Theodizee umtreiben, es ist nicht umsonst bibeldick.)
„Ich habe bisher noch kein Buch gelesen, dessen inhaltliche und materielle Seite derart miteinander korrespondierten.“
Wie schon erwähnt wurde, passiert in dem Roman – zumindest gemessen an seinem Umfang – äußerlich nicht allzu viel. Karlo gerät in eine Identitätskrise, verliebt sich und kämpft mit seinen inneren Dämonen (oder Engeln? Was würden die Figuren Lilith und Sin-teth-nun dazu sagen?), bis sich die auf dem Klappentext angeteaserte Katastrophe ereignet. Dementsprechend gibt es nicht nur wegen der beträchtlichen Seitenanzahl, sondern auch wegen der oben beschriebenen Konzeptionen einige Längen.
Hinzu kommt, dass ein Großteil der Handlung bereits in der ersten Hälfte des Buches stattfindet – ein Grund, warum dieser vergleichsweise narrativ und zugänglich ist –, während sich die zweite Hälfte sukzessiv auf die internen Prozesse seines immer verrückter werdenden Protagonisten fokussiert.
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Let’s be honest: Spätestens im zweiten Teil wird sowohl die Geduld als auch die Leidensfähigkeit der Leser*innen auf eine harte Probe gestellt. Nach rund vierhundert Seiten nahm ich zudem auch die Unhandlichkeit und Schwere dieses ziegelsteinähnlichen Romans wahr. Die Fantasie, jemanden damit zu erschlagen, tat sich in mir auf. Vielleicht, weil ich mich selbst erschlagen fühlte von der Sprache, mit der sich mir die Figuren dieses Romans zumuteten. Ich habe bisher noch kein Buch gelesen, dessen inhaltliche und materielle Seite derart miteinander korrespondierten.
Das Unmögliche schaffen
Als ich irgendwann den Punkt erreicht hatte, an dem ich mich fragte, ob ich vor dem geballten Wahnsinn, mit dem ich konfrontiert wurde, kapitulieren sollte, stieß ich unvermittelt auf das schriftstellerisch beeindruckendste, das ich je in meinem Leben gelesen habe. Wie an früherer Stelle erwähnt ist CoK vor allem auch eine Geschichte über die Versuche einer Versprachlichung des Leids – ein uraltes schriftstellerisches Problem, das unlösbar scheint.
Wie Lisa Kränzler allerdings die Katastrophe darstellt, auf die alles in dem Roman zusteuert, wie sie das Unmögliche schafft, eine Mehrstimmigkeit von Sprache zu erzeugen, die nicht nacheinander, sondern simultan erklingt, so als würde auf der Orgel auf zwei Manualen und dem Pedal gespielt werden, ist so unbeschreiblich, dass ich während des Lesens meinen Augen kaum trauen konnte. Womöglich mag Karlo keine Sprache gefunden haben, um sein Leid in Worte zu fassen. Kränzler allerdings hat es.
Ist Coming of Karlo ein Buch, das ich empfehlen würde? Die Frage ist vermutlich unpassend für den Roman. Fragt mich lieber, wie ich das Buch beschreiben würde: nämlich als, ich zitiere Goethe, „das unvermittelte Streben ins Unbedingte in dieser durchaus bedingten Welt.“ ◆
Lisa Kränzler: Coming of Karlo, Verbrecher Verlag, Berlin, 2019.
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