Vor rund einem Jahrzehnt – oder vielleicht ist es noch länger her – habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, zu jedem Buch, das ich gelesen habe, eine kleine Besprechung zu schreiben. Sie dient mir vor allem als Erinnerungshilfe, aber auch als Mittel, mir bewusst zu machen, was ich gelesen habe.
Ich lese Bücher als Autorin und Privatperson, nicht als Feuilletonistin. Meine Kurzrezensionen, wie ich sie unbeholfen nenne, sind daher bloß ungeordnete Gedanken, die ich vor allem für meine Instagram-Follower aufschreibe. Hier auf vliestext finden sie nun auch ein Publikum.
Zuweilen fühlt sich dieser Akt des Nachdenkens und Schreibens wie eine Pflicht an, mit der ich einfach nur „durch“ sein möchte. Zum Glück aber nur zuweilen.
Alle Beiträge der Reihe „Durch!“ finden sich hier.
#12 Clara Umbach: Pizza Orlando
Auf einen Klick: Mehr queere und lesbische Figuren // Die Unmöglichkeit gemeinsamen Lebens // Im Griff der Sehnsucht // Ist es „lesbische Literatur“? // Handwerkliche Probleme // Ein Roman, der begeistert
Was mich an der, wenn auch sehr schleppend vorangehenden, Diversifizierung des Literaturmarktes freut: Inzwischen entdecke ich immer häufiger Bücher, die nicht allein wegen ihres intellektuellen und ästhetischen Gehalts begeistern, sondern mich auch als Person adressieren.
Noch vor einigen Jahren waren queere, zumal lesbische, Protagonistinnen eine Rarität, und man musste, sofern man Interesse an literarischen Darstellungen von Dykes und deren Lebenswelten hatte, zunächst weit durch die Literaturgeschichte reisen – zurück zu Annemarie Schwarzenbach, Virginia Woolf, Audre Lord oder Patricia Highsmith –, um welche zu finden.
Die Lage hat sich mittlerweile zum Glück gebessert, und so häufen sich peu à peu Romane in meinem Bücherregal, in denen nicht Männer, sondern Frauen im Leben von Frauen eine übergeordnete Rolle spielen – so auch in Clara Umbachs Debütroman, den ich, wie man so schön sagt, verschlungen habe.
Die Unmöglichkeit gemeinsamen Lebens
Pizza Orlando erzählt die Geschichte von Clara und Nina, die sich bereits seit der Jugend kennen und als erwachsene Frauen einander hoffnungslos verfallen. Schwerwiegende äußere Umstände verstellen allerdings den Weg in eine gemeinsame Zukunft.
Während die Ich-Erzählerin als Alleinerziehende gänzlich vom Balanceakt aus Lohnarbeit, Kinderversorgung und Studium in Anspruch genommen wird, machen sich bei Nina die ersten Symptome einer schweren neurodegenerativen Krankheit bemerkbar: Chorea Huntington (auch bekannt als Huntington’s Disease/HD).
Ob, auf welche Weise und unter welchen Bedingungen ein gemeinsames Leben (un)möglich ist, ist eine der zentralen Fragen des Textes. Es ist daher nicht nur ein Roman über zwei Frauen, die sich in eine leidenschaftliche lesbische Liebesbeziehung stürzen, nicht nur Partikularliteratur, wie manche vielleicht sagen würden, sondern auch übers Leben, Sterben und die damit verbundenen Fragen der Zumutbarkeit – das Allgemeinmenschliche lässt grüßen.
„29.12.17, 19:42 – Nina: […] Warum kann es keinen anderen Ort auf der Welt geben, einen (sic!) der meiner ist, einen der Sanftheit/Liebe: HD/DU, HD nein/DU ja. Es ist klar: ,So schön wir hier kann’s im Himmel gar nicht sein‘, aber es ist auch klar: Es gibt nur einen denkbar besseren Ort, und das ist der ohne HD, und die HD ist in mir und zersetzt mein Gehirn. Es gibt kein Nicht-Ich und darum nichts mehr für mich. Es gibt nichts zu überwinden, alles, was mir Schmerzen bereitet, ist Ich. Es gibt keine mögliche bessere Version meiner selbst. Ich möchte dich nicht sehen und auch nicht schreiben.“ (S. 65)
Für die autofiktionale Geschichte – sie ist unter Mitwirkung Nina Flaigs entstanden, zu der die Autorin auch in Wirklichkeit ein enges Verhältnis pflegt –, hat Umbach eine Hybridform aus langen Chatprotokollen, Notizen, Nacherzählung und Essay gewählt, wobei das Chatprotokoll am stärksten hervortritt.
Im Griff der Sehnsucht
Auf diese Weise kommen die Unmittelbarkeit und Dringlichkeit des Gefühlten stark zur Geltung – ein Grund, warum es den meisten schwerfallen dürfte, das Buch mittendrin einfach wegzulegen.
Wenn Nina und Clara einander anhimmeln, in Erinnerungen schwelgen an den gemeinsamen Sex, sich nacheinander verzehren, ohne absehbar die Möglichkeit zu haben, sich nahezukommen (beide wohnen in unterschiedlichen Städten), wird man unweigerlich mitgenommen: von den Bildern, die aufgerufen werden, von den Sehnsüchten, die von beiden Frauen auf einen selbst überspringen, sowie von den Erinnerungen an all die heftigen Gefühle, die wir womöglich selbst schon einmal für jemanden hatten.
„06.09.17, 08:44 – Clara: Meine Nina! Wenn du hier bist, lese ich dir die ganze Nacht vor, wenn du nicht schlafen kannst, oder singe dir Schlaflieder oder ich stecke meine Finger in deine Muschi und flüstere Versprechen in dein Ohr. Alles, was du willst! […] Du kannst meine Erwartungen übrigens nur enttäuschen, denn sie sind übersteigert. Aber ich freue mich auf die Enttäuschung und darauf, dass es dann einfach du bist, die ich sehe und habe.“ (S. 22 f.)
Ist es „lesbische Literatur“?
Eine Frage, die sich mir beim Lesen des Textes stellte, war, inwieweit sich der Roman als spezifisch lesbische Literatur lesen lässt und ob das Label Lesbische Literatur/Queere Literatur/whatever you want to call it neben dem gewinnbringenden Effekt der Orientierung für solche, die explizit nach derlei Schriften suchen, nicht auch problematisch ist – ich weiß, die Frage ist unter Kenner*innen ein alter Hut.
Für die Lesart Lesbischer/Queerer Roman spricht neben dem Offensichtlichen, dass zwei Lesben im Zentrum stehen (und das – Spoiler! – ohne das Darstellungsklischee tragisches Ende), zum einen die eklektische Form des Textes, die das Diversitätsmerkmal von Queerness performativ vermittelt (wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass Eklektizismus eine generelle Begleiterscheinung der Autofiktion insgesamt ist); zum anderen die distinktiven lebensweltlichen Bedingungen wie etwa weibliche Sozialisation, Marginalisierung, patriarchale Unterdrückung usf., denen die Beziehung der beiden Frauen unterworfen ist.
„Wenn wir miteinander schliefen und ich unterworfen war, war ich es nicht, weil ich eine Frau war, und wenn ich überlegen war, war ich es nicht, obwohl ich eine Frau war, sondern es hatte – zum ersten Mal – damit einfach nichts zu tun.“ (S.18 f.)
Gegen die Lesart lässt sich wiederum einwenden, dass Weiblichkeit und queeres Begehren im weitesten Sinne zwar mitverhandelt werden, gleichzeitig aber klar eingebettet sind in übergeordnete Themen wie Sterben, Autonomieverlust, Sehnsucht und Schuld. Hinzu kommt auch, dass mehr als fraglich ist, ob eine sogenannte Lesbische/Queere Literatur überhaupt als eigenständige literarische Gattung existiert – meine These lautet: nein. Darauf aber einzugehen, würde den Rahmen der Besprechung sprengen, also schließe ich das Fass gleich wieder.
Ob die Kategorisierung grundsätzlich ein Gewinn ist, sei dahingestellt. Zwar ist die Distinktion, auf die der Begriff abzielt, einerseits insofern wichtig, als sich von einer Literaturtradition emanzipiert wird, die weiß und vor allem männlich dominiert ist; andererseits aber leistet sie auch Vorurteilen unter unausstehlichen Stichworten wie Agenda-Literatur Vorschub.
Handwerkliche Probleme
Zurück aber nochmal zum Text: So gerne ich den Roman auch gelesen habe, weist er in meinen Augen ein paar Probleme auf, die ich vor allem im Handwerklichen lokalisiere. So ähneln sich die Chat-Stimmen Ninas und Claras ungemein. Wenn ich denn einmal nicht auf die im Chatprotokoll vorangestellten Namen achtete, kam es während der Lektüre immer wieder vor, dass ich beide Figuren miteinander verwechselte.
Natürlich lässt sich der monophone Sound mit viel Wohlwollen als Ausdruck einer emotionalen Verwandtschaft auslegen. Allerdings müsste man in dem Fall auch über die ansonsten recht unterschiedliche Charakterisierung der beiden hinwegsehen – anders nämlich ginge eine solche Deutung kaum auf. Es mag ja sogar sein, dass das Originalmaterial, auf dem der Roman beruht, tatsächlich derlei Ähnlichkeiten in Wortwahl und Ausdruck aufweist. Dennoch erwarte ich von einem ausgereiften Text keine Reproduktion bzw. den Anschein davon, sondern eine gewisse literarische Modifikation (wie auch immer sie konkret aussehen mag).
Weitere schriftstellerische Entscheidungen, die ich eher unglücklich finde, sind die zum Teil beiläufig genannten Konflikte mit Nebenfigur XY, ohne dass auf sie näher eingegangen würde – ich denke da etwa an den Cousin. Irgendetwas ist geschehen, irgendwie ist das sehr aufwühlend und belastend, so sehr sogar, dass die Erzählerin es erwähnen muss, aber sinnvoll oder zumindest nachvollziehbar in die Geschichte eingeflochten wird es schließlich nicht.
Bis auf Nina und Clara erscheinen die Erzählkulisse sowie die darin vorkommenden Charaktere wie Pappkameraden, die nicht einmal einen Anstrich bekommen. Es stellt sich daher notwendig die Frage, wofür es sie braucht. Figuren nämlich ohne Charakter und Funktion sind für jeden Text – auch autofiktionale – entbehrlich, erst recht, wenn ihnen eine Bedeutung zugewiesen wird, die für niemanden ersichtlich ist.
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Zu guter Letzt ein grundsätzlicheres Problem, das der Text in meinen Augen hat: Konflikte und Gefühle werden häufig mehr benannt als anschaulich gemacht – ein Manko, das dem gelegentlichen Einsatz von Prädikativen („ich bin xy“) geschuldet ist und dem Umstand, dass zwischen Nina und Clara gefühlt alles ausbuchstabiert wird (jaja, show, don’t tell mal wieder).
Das lässt die Chatprotokolle zwar realistisch erscheinen und hat zweifellos Unterhaltungswert; ästhetisch überzeugend ist es allerdings nur bedingt. Dabei eignet sich gerade der Dialog, der so prominent im Text vertreten ist, hervorragend für Leerstellen und Charakterdarstellungen (nicht zu verwechseln mit Charakterisierungen!).
Ein Roman, der begeistert
Es darf unterdessen nicht unerwähnt bleiben, dass die Tragweite der hier genannten Mängel größer erscheint, als sie tatsächlich ist. Vor allem, wenn der Tatsache Rechnung getragen wird, dass der Text aufgrund der bereits erwähnten eklektischen Form als Versuchsanordnung – Verzeihung für das alberne Wort – zu betrachten ist: Am Ende ringt die Erzählerin nämlich vor allem um Worte, um den richtigen Ausdruck, der bei weitem nicht immer in der Ästhetik, sondern in der Präzision zu finden ist, auch wenn beides einander nicht notwendigerweise ausschließt.
Was mir von Clara Umbachs Roman Pizza Orlando daher in Erinnerung bleiben wird, sind nicht die handwerklichen Unvollkommenheiten, sondern die Begeisterung, mit der ich ihn gelesen habe – denn weiß Gott, wie lange es schon wieder her ist, dass ich ein Buch gelesen habe, ohne ungeduldig nachzusehen, wie viele Seiten noch vor mir liegen. ◆
Clara Umbach: Pizza Orlando, Ecco Verlag, Hamburg, 2026.
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