Sitzen kostet: Öffentliche Toiletten und die Ordnung der Geschlechter

Eingang einer öffentlichen Toilette in Frankreich. Auf Französisch steht über dem WC-Schild "Ich pisse, also bin ich." (Foto: Tina Bosse auf Unsplash)
Foto: Tina Bosse auf Unsplash
Der physische öffentliche Raum wird immer noch zu sehr von den Bedürfnissen erwachsener Männer her gedacht. Ein Beispiel dafür sind WC-Häuschen. Ein Text von Melanie Krause.

Manchmal schreibt man Texte ja erst, wenn der Anlass von einst heute so nicht mehr gegeben ist. Wenn der Missstand, den es anzuklagen galt, behoben wurde – und dadurch erneut auffällt. Obwohl, behoben ist dann häufig nur der konkrete Fall, nicht aber das strukturelle Problem, das zigtausende, mitunter Millionen solcher und ähnlicher Fälle verantwortet. Der Anlass ist damit im Grunde immer noch gegeben, der Missstand immer noch anzuklagen. Also, blicken wir zurück ins Jahr 2020 und klagen an:

Menschen, die im Stehen pinkeln können, und solche, die das im Sitzen tun, bewegen sich gleichermaßen und unbesehen ihrer Pinkelgewohnheiten im öffentlichen Raum. Doch auch heute bauen Städte noch immer öffentliche Toiletten, die Nichtstehpinkler*innen benachteiligen – zum einen mit einer geringeren Anzahl an Toiletten, und zum anderen mit einer Bezahlhürde. 

In der Pomologie, einem hübschen Park in Reutlingen, wurde im Herbst 2020 ein neues Klohäuschen eröffnet. Modernes Design, automatische Türen, angenehm steril. Die Nutzung des Urinals ist gratis, die Nutzung der Sitztoiletten und der barrierearmen Toilette ist kostenpflichtig. Als würden Bau, Betrieb und Reinigung von Urinalen nichts kosten, der Betrieb von Sitzklos jedoch schon.

Vielleicht glauben die Verantwortlichen, die Benutzung des Urinals mache eben weniger Dreck als die der Schüssel. Doch das würde bedeuten, dass die Mitarbeitenden der Stadtverwaltung nicht wissen, dass nicht alle Menschen mit einem Penis versehen und mit der Fähigkeit ausgestattet sind, im Stehen zu urinieren. Wer so wenig über die Welt weiß, sollte vielleicht nicht den öffentlichen Raum gestalten.

Wer nebensächlich ist

Es geht hier nicht nur um eine kleine Unannehmlichkeit und einen Euro mehr oder weniger. Es geht um die viel größere Frage, wie der öffentliche städtische Raum gestaltet werden soll. Darum, wessen Bedürfnisse ernst genommen und welche als irgendwie nebensächlich vernachlässigt werden. Hier etwa gilt der Harndrang der einen als ausreichend relevant, um ihnen kostenlose Infrastruktur aus einem gemeinsamen Finanztopf zur Verfügung zu stellen. Anderen hingegen, die diese Infrastruktur aufgrund ihrer Anatomie nicht nutzen können, wird für denselben Vorgang eine Gebühr auferlegt.

Warum glauben Stadtverwaltungen, deren Auftrag es ist, die Stadt im Sinne aller Bewohner*innen zu gestalten, dass manchen Menschen dies zuzumuten ist? Diese Unterteilung läuft offensichtlich nicht entlang von Vermögensgrenzen. Kinder, die zu klein für die Urinalnutzung sind, müssen im Reutlinger Park fürs Pinkeln bezahlen, während erwachsene Männer ihren Klogang gratis bekommen. Von Rollstuhlnutzer*innen ganz zu schweigen. Selbst für das Wechseln eines – selbst mitgebrachten – Tampons, für das es lediglich einen Sichtschutz braucht, muss man zahlen.

Nicht vom Mann her denken

Diese Fehler, die keine sind, passieren immer wieder an ganz unterschiedlichen Stellen und zeigen, dass der physische öffentliche Raum auch im 21. Jahrhundert immer noch von erwachsenen able-bodied cis Männern her gedacht wird. Ihre Bewegungsmuster und Bedürfnisse bilden weiterhin die Norm, alles andere ist nur Abweichung und darf deshalb schlechter behandelt werden.

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Es müsste genau umgekehrt sein: Die Stadt müsste so gestaltet werden, dass gerade die schwächsten und diskriminiertesten Personengruppen als Maßstab gelten. Rollstuhlfahrer*innen darf kein Umweg zugemutet werden und auch Kinder sollten an Lichtschalter oder Notrufknöpfe herankommen. Und natürlich sollte einfach niemand für den Toilettengang bezahlen müssen.

Das WC-Häuschen in der Reutlinger Pomologie ist mittlerweile für alle gebührenfrei. Dass das mal anders gedacht war, ist am nun bezahlschrankenlosen Bedienfeld an einer der Türen noch zu sehen: Es sieht improvisiert aus. ◆

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Autorin

Melanie Krause (sie/ihr) ist vor allem Philosophin und schreibt über Feminismus, Technikethik, das gute Leben und ihre Verwunderung über die Welt im Allgemeinen und Besonderen.

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