Der Junge mit dem Spider-Man-Rucksack – Superheld*innen im Kampf der Bilder

Illustration: Die Comic-Figur Spider-Man umarmt knieend den kleinen Jungen Liam Ramos. Über den beiden steht auf Englisch: HEY LIAM, WELCOME HOME KIDDO. (Bild: Matt Salisbury)
Liam Ramos und Spider-Man (Bild: Matt Salisbury)
In seinem Newsletter „Fan Theory of Everything“ schreibt Jakob Franzen über Superheld*innen als Symbole gesellschaftlichen Widerstands. Wie viel Antifa steckt in Captain America?

Auf einen Klick: Vorwort // Zeugnis der Grausamkeit // Reaktion der Superheld*innen-Szene // Batman spricht in Stadtratssitzung // Captain America und „Real Americans fight facism“ // Elon Musks Shitposter-Batman und Donald Trump als Superman // Bilder als Vokabeln // Eine Ermächtigungsfantasie

Ein Text von:

Vorwort

vliestext freut sich, für eine Weile den Superhero-Newsletter Fan Theory of Everything von Jakob Franzen beherbergen zu dürfen. Mit seinen Texten für 54books und fluter hat er sich den Ruf erarbeitet, Fachmann für die beliebte Welt der Superheld*innen und politische Aspekte der Popkultur zu sein. Auch für vliestext hat er sich schon damit beschäftigt, etwa in seinem Text über Poison Ivy und ihren Öko-Terrorismus

Über den Newsletter, 2023 für den „Goldenen Blogger“ nominiert, sagt Franzen: „Es ist ein Versuch, eine Schneise durch das dicht verflochtene Gestrüpp zu schlagen, das über 90 Jahre Superheld*innen-Geschichte hervorgebracht haben.“ Alle von vliestext gehosteten Ausgaben des Newsletters finden sich hier, die früheren hier. Dort und über den Link unten lässt sich der Newsletter abonnieren.

Auf ins Gestrüpp.


Der Junge mit dem Spider-Man-Rucksack – Superheld*innen im Kampf der Bilder

Wenn ein Bild mehr als tausend Worte sagt, wie viele Worte sagt dann ein Bild, das tausende weitere Bilder hervorgebracht hat? Das Bild: Ein fünfjähriges Kind mit blauer Hasen-Mütze steht vor einem Auto; ein Erwachsener hält es an seinem Spider-Man-Rucksack fest. 

Wer in den vergangenen Wochen Zeit im Internet verbracht hat, kennt das Foto vermutlich. Der Junge darauf ist Liam Conejo Ramos, dessen Vater 2024 Asyl für sich und seine Familie in den USA beantragt hatte. Der Erwachsene, der Liam festhält, ist ein ICE-Mitarbeiter. „ICE“ steht für Immigration Custom Enforcement – die US-Behörde für Einwanderung und Zoll. Ohne gerichtliche Befugnis entführten die Uniformierten den Jungen am 20. Januar 2026 aus dem Kindergarten.

Zeugnis der Grausamkeit

Einer Sprecherin der Tagesstätte zufolge wollten die ICE-Mitarbeiter den Fünfjährigen als Köder nutzen, um seinen Vater dazu zu bringen, ihnen die Tür zu öffnen. Liams Situation sei leider kein Einzelfall, fügt die Sprecherin noch hinzu. Solche Entführungen kämen aktuell erschreckend oft vor.

Drei andere Kinder wurden in den Wochen zuvor an derselben Schule von uniformierten und maskierten Menschen abgeholt. Ihre Situation ist nicht weniger tragisch als die von Liam, aber es ist sein Foto, das stellvertretend für die Grausamkeit der momentanen US-Immigrationspolitik steht.

Als „face of the hundreds of minors in immigration custody“ bezeichnet El País US den Fünfjährigen. „Bilder wie dieses können die Geschichte verändern“, schreibt Kunstkritiker Philip Kennicott in der Washington Post. Anderswo wird der Handy-Schnappschuss mit anderen bekannten Fotos aus der Weltgeschichte verglichen.

Erwähnt werden etwa das „Napalm Girl“ des Vietnam-Kriegs (Inhaltswarnung: verletzte und weinende Kinder; Nacktheit) oder der jüdische Junge im Warschauer Ghetto, der umzingelt von SS-Soldaten seine Hände in die Luft hebt.

Auf Instagram lassen sich mehrere Häkel-Anleitungen für Liams Hasenohren-Mütze finden. Unter dem Stichwort „Ice Out Cartoons“, bei denen Cartoonist*innen ihre eigenen Erfahrungen und Gedanken mit der ICE-Behörde aufzeichnen, verweisen viele auf den Jungen mit der blauen Mütze und dem Spider-Man-Rucksack.

Ein Beigeschmack von Opportunismus

Inzwischen sind Liam und sein Vater wieder aus der Haft entlassen. Ein Richter hatte es angeordnet. Dem Urteil liegt auch das viel geteilte Foto bei; „Matthew 19:14“ und „John 11:35“ steht daneben. Die entsprechenden Bibelstellen sind „Aber Jesus sprach: Lasset die Kinder und wehret ihnen nicht, dass sie zu mir kommen; denn solchen gehört das Himmelreich“ und „Jesus weinte“.

„Protect your neighbors and kids like Liam Ramos who grew up believing in the stories we tell.“

Bei der Entlassung wartete bereits ein Auto auf die beiden. Der US-Abgeordnete Joaquín Castro hat sie abgeholt – offenbar samt PR-Team. Auf Castros Social-Media-Kanälen sieht man Fotos von Liam und seinem Vater Adrian.

Auf den meisten Bildern hat Liam seine blaue Mütze auf – auch drinnen. Ein weiteres zeigt ihn mit einem Rucksack. Joaquín Castro wurde ein wenig unbeholfen im Hintergrund drapiert. „Liam is now home. With his hat and his backpack“, heißt es im Post. Wer genau hinschaut, sieht, dass es sich bei dem Rucksack nicht um Liams alten Spider-Man-Rucksack handelt. Ein Etikett hängt noch daran, genauso wie an einem Pikachu-Kuscheltier, einem Kinderschlafanzug und mehreren Paaren Socken.

Dass Liams Geschichte den US-Abgeordneten berührte, steht außer Frage. Die ganze Aktion hat durch den professionalisierten Rahmen aber doch den unangenehmen Beigeschmack von Opportunismus.

Reaktion der Superheld*innen-Szene

„If you work in superhero comics, I hope you’ll do your part to help abolish ICE and protect your neighbors and kids like Liam Ramos who grew up believing in the stories we tell“, schreibt Marvel-Autor Greg Pak. Er ist vor allem für seine Arbeit an der Planet Hulk-Storyline bekannt, die in Teilen Grundlage für den Film Thor: Ragnarok war. „[…] that stabbed me in the heart“, erzählt Pak MPR News über das Foto von Liam

Zusammen mit anderen Künstler*innen aus der Szene startete er den Hashtag #Comics4Liam. Dort finden sich zahlreiche Illustrationen von Liam mit seiner Hasen-Mütze. Manchmal ist Spider-Man mit ihm auf dem Bild, manchmal Pikachu, manchmal Pikachu im Spider-Man-Anzug.

Es ist ein Paradebeispiel dafür, wie ein Vokabular an Bildern genutzt wird, um an Geschehnisse und nostalgisch aufgeladene Popkultur anzuknüpfen. In der kindlich unschuldigen Optik drückt sich der kollektive Wunsch aus, Liams jetzt beschädigte Kindheit wiederherzustellen.

Batman spricht in Stadtratssitzung

Weniger unschuldig und ein wenig kurios sind die vielen, sich daneben einreihenden #FuckICE-Fan-Illustrationen von Superheld*innen, die ICE-Beamte verprügeln (Beispiele: 1, 2, 3). Ende Januar tauchte außerdem ein Mann im Batman-Kostüm in einer Stadtratssitzung auf und nutzte das offene Mikrofon, um sich lautstark über ICE zu beschweren. 

„Can anyone of you go home to your children and tell them that you did everything you could to protect their classmates“, raunte er mit leichter Batman-Stimme. Wer noch zusätzlich in den letzten Wochen auf Tiktok Zeit verbracht hat, konnte AI-Videos von Batman und Superman wie sie Trump schlagen, kaum umgehen.

Die Patriot*innen im Captain-America-Kostüm kämpfen nicht gegen die Antifa, sie sind die Antifa.

Immer wieder werden Superheld*innen seit 2016 gegen die Trump-Regierung(en) und deren Immigrationspolitik in Stellung gebracht. Beliebte Figuren sind dabei Batman, Superman und Spider-Man; Hauptgrund dafür scheint mir deren Bekanntheit zu sein. Spider-Mans Leitsatz „With Great Power comes great responsibility“ funktioniert allerdings auch sehr gut als Positionierung gegen ein Regime, das offenbar „power corrupts“ als Handlungsempfehlung versteht.

Captain America und „Real Americans fight facism“

Auf Protestschildern des letzten Jahrzehnts tauchen neben den oben genannten Figuren auch oft Ms. Marvel, Supergirl und Captain America auf. Als 2017 der sogenannte „Muslim Ban“ zum ersten Mal in Kraft trat, änderte Comic-Zeichner Phil Noto für seine eigenen Social-Media-Accounts eine seiner eigenen Illustrationen von der muslimischen Superheldin Ms. Marvel so ab, dass sie ein Foto von Trump zerreißt.

Beim Woman’s March im gleichen Jahr trug Supergirl-Schauspielerin Melissa Benoist ein Schild mit der Aufschrift „Hey Donald, don’t try to grab this pussy – It’s made of steel.“

Mit Captain America haben die jüdisch-amerikanischen Erfinder ihre Wut auf das NS-Regime in eine Superheldenfigur gegossen.

Eine Sonderrolle beim regierungskritischen Protest nimmt Captain America ein. Für viele vorwiegend ältere Menschen steht die Figur für einen patriotischen Kampf gegen den Faschismus. Seit seiner Entstehung in den Vierzigern kämpft „Cap“, wie ihn viele Fans nennen, gegen Nazis.

Auf einem inzwischen sehr bekannten Cover schlägt er Adolf Hitler ins Gesicht – noch vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor und dem offiziellen Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg. Mit Captain America haben die jüdisch-amerikanischen Erfinder Jack Kirby und Joe Simon ihre Wut auf das antisemitische deutsche Regime in eine Superheldenfigur gegossen.

Viel geteilt wurde kürzlich eine Abwandlung des Covers, bei der die US-Politikerin Ilhan Omar Hitler schlägt (Hintergrund: Auf einer Veranstaltung setzte sich Omar gegen einen rechtsradikalen Angreifer zur Wehr, mit erhobenen Fäusten).

Gewalt gegen Nazis muss in dieser Zeit so unumstritten gewesen sein, dass der Verlag diese eindeutige politische Botschaft sogar auf der Titelseite zuließ. Als 2025 geschätzt etwa sieben Millionen US-Amerikaner*innen unter dem Slogan „No Kings“ protestierten, waren einige von ihnen als Captain America kostümiert. Auf ihren Schildern stand „Real Americans fight facism“ und „No Kings in America“. 

Statt Patriotismus mit Regimehörigkeit zu verwechseln, wird der Superheld hier als klares Plädoyer für eine Trennung von Nation und Staat ins Feld geführt. Die Patriot*innen im Captain-America-Kostüm kämpfen nicht gegen die Antifa, sie sind die Antifa.

Elon Musks Shitposter-Batman und Donald Trump als Superman

Natürlich werden Superheld*innen-Bilder, das sollte allen klar sein, nicht nur von der oppositionellen Seite benutzt. Elon Musk postete, wenige Monate nachdem er Twitter gekauft hatte, ein Bild von Batman, wie der über die Stadt schaut. „Some nights“, schreibt Musk dazu.

Sein Hauptanliegen beim Kauf war, so sagt er selbst, die Plattform vor dem angeblichen „woke mind virus“ zu schützen. Offenbar sieht er sich dabei als eine Art Shitposter-Batman, der darauf achtet, dass nicht allzu respektvoll miteinander umgegangen wird.

Ganz offensichtlich wird nicht nur um Bilder gekämpft, sondern auch mit Bildern.

Donald Trump hat sich selbst schon so oft als Superman dargestellt, dass die New York Times sich 2025 zu einem „The Long History of Trump Pretending to be Superman“-Artikel hinreißen ließ. 2022 verkaufte Trump digitale Sammelkarten mit sich in unterschiedlichen Outfits (und Körperformen). Darunter waren auch mehrere (vermutlich mit KI erstellte) Superheld*innen-Karten. 

Als Teil von einem ohnehin schon kuriosen Wahlkampf landete 2024 ein Bild von Trump und seinem Team als Justice League auf der ultrarechten Plattform Truth Social (die zu Trumps Firmen-Konglomerat gehört). Das Gesicht seines jetzigen Gesundheitsministers Robert F. Kennedy wurde auf Aquamans Körper retuschiert. Vizepräsident JD Vance ist auf dem Bild Batman. Elon Musk wurde zu Cyborg degradiert.

Pünktlich zum Release des neuesten Superman-Films im Juli 2025 postete der offizielle Account der Regierung dann noch ein Superman-Filmposter mit Trumps Gesicht.

Donald Trump macht keinen Platz für die Feuerwehr

Außerhalb von Selbstzuschreibungen finden sich allerdings bemerkenswert wenige Superheld*innen-Vergleiche mit der aktuellen US-Regierung. Der eigentlich doch ganz autoritätshörige Make-America-Great-Again-Mob scheint das vorgegebene Meme-Format nicht so richtig aufgreifen zu wollen. Viralität in sozialen Medien lässt sich, das kann man hier wieder beobachten, nicht erzwingen.

In offiziellen Marvel-Comics kommt Trump meines Wissens zweimal vor. 2004 hebt Luke Cage dessen Auto auf die andere Straßenseite, weil Trump keinen Platz für die Feuerwehr machen wollte. 2016 kämpft Spider-Gwen in Spider-Gwen Annual #1 gegen einen Parallelwelt-Bösewicht, der Trump sehr ähnlich sieht und Sätze wie „Must Make America…“ sagt, bevor er zu Boden geprügelt wird.

Bilder als Vokabeln

Massenkultur ist ein „Schlachtfeld des Kulturkampfes“, habe ich schon einmal geschrieben. Bilder von Superheld*innen gehören natürlich auch dazu. Ganz offensichtlich wird nicht nur um Bilder gekämpft, sondern auch mit Bildern. Sie sind Vokabeln, die von allen Seiten und allen Menschen unabhängig von Politik- und Moralvorstellungen genutzt werden können.

Fan Theory of Everything, der Newsletter über die Welt der Superheld*innen von Jakob Franzen, lässt sich hier abonnieren:

Allerdings fällt auf, dass Superheld*innen sich nicht ohne Widersprüche als Herrschende darstellen lassen. Grund hierfür ist meiner Meinung nach ein fundamentales Missverständnis von Trump und Musk darüber, was Superheld*innen-Geschichten ausmacht.

Eine Ermächtigungsfantasie

Superman, Batman und andere Figuren resonieren in den meisten Fällen nicht, weil sie Macht haben. Am meisten bieten sie Identifikation, wenn sie innere und äußere Hürden überwinden, um schlussendlich Gutes zu tun. Es gibt nicht ohne Grund Kryptonit – das fiktive Material, das Superman schwach macht. Zumindest für eine Weile müssen Superheld*innen machtlos sein, damit sie dann wieder in einem erhebenden Moment zu ihrer eigentlichen Stärke gelangen. 

Es ist der Prozess von Ohnmacht zu Macht, der das eigentlich Interessante ist. Superheld*innen bieten keine Macht-, sondern eine Ermächtigungsfantasie. Ihre Erzählungen gestalten sich deswegen oft gegenhegemonial. Ein Kampf gegen eine Art von Vorherrschaft gehört klassischerweise zu der Reise von Held*innen dazu.

Deshalb funktionieren Machthabende in diesem Rahmen grundsätzlich nicht gut als Identifikationsfiguren. Natürlich hilft es auch nicht, wenn sie Kinder inhaftieren, Kritiker*innen mundtot machen und mit Raketen Völkerrecht brechen. ◆

Das Titelbild dieses Textes stammt von Matt Salisbury und ist bei der Aktion #Comics4Liam entstanden. Der Illustrator und Comic-Künstler ist auf Instagram hier zu finden.

Kaffeekasse

Sie haben hier etwas gelernt, sich informiert oder unterhalten gefühlt und wollen neuen Texten beim Wachsen helfen? Dann geben Sie uns doch einen Kaffee aus:

Weitere Superheld*innen-Nachrichten in letzter Zeit:

Neuer Trailer für die vierte Staffel Invincible

Neuer Teaser-Trailer für die zweite Staffel Deadpool: Born Again

Neue Theorie zu einem Avengers Doomsday-Teaser

Neue Marvel-Serie Wonder Man bekommt vorwiegend gute Rezensionen; @Jstoobs nennt sie „beste Marvel-Serie seit Jahren“ 

Neuer Teaser zum Ende Mai erscheinenden LEGO Batman-Spiel

Poster, Trailer und erste Teaser-Bilder für Spider-Man Noir

Neues Krypto-Poster und neuer Trailer für Supergirl

Autor

  • er/ihm // schreibt über Superheld*innen und politische Aspekte der Popkultur in seinem (für den „Goldener Blogger“ nominierten) Newsletter Fan Theory of Everything sowie für 54books und den fluter (teils unter dem Pseudonym „Jonas Lübkert“) // @anotherrerun auf Bluesky

Auf vliestext geht es um Kultur und Gesellschaft. Folgen kann man auf Instagram, Bluesky, Mastodon und per Newsletter:

Share
You May Also Like