Tanzbare Kulturanalyse – ein Abend mit der literarischen Girlband NO SCRIBES

Die NO SCRIBES blicken ins Publikum und stehen seitlich nebeneinander, in einer Girlband-Pose. Sie tragen silberne Kleidung. (Foto: Literaturhaus Berlin)
Foto: Literaturhaus Berlin
Die Schriftstellerinnen Alisha Gamisch, Raphaëlle Red und Paula Fürstenberg haben eine Band gegründet. Als NO SCRIBES blicken sie kritisch, aber liebevoll auf die Zeit der „Girl Power“ in den 90ern und verweben die eigene Biografie mit der von Destiny’s Child, Tic Tac Toe und den Spice Girls.

Auf einen Klick: Spaß und Kritik // Belastend für junge Frauen und Mädchen: die 90er-Jahre // Sexualisierung und Rollenklischees // Erfrischend anders

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Am 7. November feierte die wahrscheinlich erste literarische Girlband ihre Premiere in der ausverkauften Berliner Vagantenbühne – die NO SCRIBES. Die Premiere war so sehr eine Premiere, dass etliche Anwesende vorab vielleicht gar nicht so recht wussten, was passieren wird.

Sie mögen sich gefragt haben: Ist das wirklich eine echte Girlband, die die bekannten deutschen Schriftstellerinnen Paula Fürstenberg, Alisha Gamisch und Raphaëlle Red da gegründet haben? Wurden sie tatsächlich so richtig gecastet, wie behauptet? 

Wer das Ganze nicht vorher schon auf dem Instagram-Kanal der Gruppe verfolgt hat, konnte bei dieser Premiere nicht sicher sein, was der Abend nun eigentlich genau sein würde. Lesung, Konzert, Theater?

Spaß und Kritik

Die spärlich dekorierte Bühne im Saal, geschmückt mit goldenen Lamettavorhängen, ließ aber erahnen, dass hier gleich wohl doch so etwas wie ein kleines Theaterstück stattfinden sollte. Die Managerin der Band ist immerhin keine Geringere als die Theaterregisseurin Lena Brasch. 

Drei Stühle, ein großer, aufblasbarer und durchsichtiger Plastiksessel, von der Sorte, wie man sie seit den späten 90ern nicht mehr gesehen hat, passend dazu Poster der deutschen 90er-Kultband Tic Tac Toe. 

Tosender Applaus, als die drei Autorinnen die Bühne betreten. Erwartet unerwartet performen sie einen catchy Song mit einstudierter Choreografie. Spätestens hier wird klar: Es geht um reichlich Spaß und ehrliche Kritik am 90er- und frühen 2000er-Phänomen der musikalischen „Girl Power“.

Belastend für junge Frauen und Mädchen: die 90er-Jahre

Die drei „Girls“ tun so, als würden sie auf typische Fragen von Journalist*innen antworten, und erinnern sich dann abwechselnd an die verwirrenden Zeiten des Teenagerdaseins in den 90ern. Sie erinnern sich an die besonderen Belastungen, denen junge Frauen und Mädchen damals (ähnlich wie heute) ausgesetzt waren, und daran, welche große Rolle 90er-Girlbands für sie selbst spielten. 

Neben Tic Tac Toe gehören auch Destiny’s Child und die Spice Girls dazu. Deren Lyrics unterziehen die NO SCRIBES einer literarischen Analyse. Raphaëlle „Riot Scribe“ Red beschreibt den Karriereweg von Destiny’s Child und ordnet ein, wie die Schwarzen Frauen bzw. die damals noch minderjährigen Mädchen der Öffentlichkeit präsentiert wurden und welche Vorbildfunktion die Gruppe für sie selbst hatte.

Die NO SCRIBES sitzen auf bunten Stühlen und lesen sich aus Teenager-Zeitschriften vor. (Foto: Literaturhaus Berlin)
Foto: Literaturhaus Berlin

Paula „Grumpy Scribe“ Fürstenberg spricht über Tic Tac Toe und deren Rezeption in der deutschen Presse Mitte und Ende der 90er. Dabei streut sie Tagebucheinträge aus dem Teenageralltag ein, bei denen nicht ganz klar ist, ob es ihre eigenen von damals oder fiktionale sind. So albern sich das erste Schwärmen und Verliebtsein aus einer erwachsenen, vielleicht auch nicht mehr heterosexuellen, Perspektive anhören mag, im Publikum wird sehr verständnisvoll gelacht. 

„Kritik wird vor allem an der damaligen Presse und der Musikbranche geübt.“ 

Alisha Gamisch performt als „Dreamy Scribe“ lyrische Passagen, sinniert über den Teenageralltag als jüngere von zwei Schwestern und lässt Zitate der fünf Spice Girls einfließen. Immer wieder verknüpfen die NO SCRIBES reale Statements, die die Sängerinnen der Presse gegeben haben, mit ihren eigenen Biografien.

Zudem rufen sie zehn plakative Girl-Power-Regeln aus, die sich so oder ähnlich durch damalige Teenager-Zeitschriften wie Mädchen, Bravo Girl, Popcorn oder Pop Rocky gezogen haben.

Sexualisierung und Rollenklischees

Der Blick auf die drei großen Girlbands aus Deutschland, den USA und Großbritannien ist liebevoll und in Schutz nehmend, Kritik wird vor allem an der damaligen Presse und der Musikbranche geübt. 

Ob es um die Sexualisierung von Schwarzen Mädchen in der Popmusik geht, um die Farbenblindheit, der sich die drei Schwarzen und sehr progressiven Sängerinnen von Tic Tac Toe in der deutschen Medienlandschaft ausgesetzt sahen, oder um dem Druck, als junge Frau bestimmte Rollenklischees zu erfüllen: Die NO SCRIBES schaffen es, in knapp zwei Stunden einen gekonnten Einblick in diese und weitere Themenfelder zu geben und mit Liebe, aber keineswegs nostalgisch verklärt auf die 90er-Jahre-Girl-Power zu schauen.

Auf vliestext geht es um Kultur und Gesellschaft. Folgen kann man auf Instagram, Bluesky, Mastodon und per Newsletter:

Erfrischend anders

Vor allem aber hat dieser Abend trotz aller ernsten Themen und Theorie immens großen Spaß gemacht und es bleibt zu hoffen, dass die wohl erste literarische Girlband nach den bisherigen Berlin-Terminen auch eine Deutschland-Tournee startet. 

Paula Fürstenberg, Alisha Gamisch und Raphaëlle Red zeigen, wie überraschend und neu eine literarische Veranstaltung gedacht und ausgeführt werden kann. Mit Hilfe von Lena Brasch haben sie eine erfrischend andere Buchpremiere inszeniert, die deutlich macht, dass Literatur und Kulturanalyse durchaus tanzbar sein dürfen.

Ja, richtig gelesen, es war auch eine Buchpremiere: Der fast komplette Text des Abends ist als Heft im Sukultur Verlag erschienen, mit dem Titel NO SCRIBES. Die literarische Girlband. ◆

Auf Instagram ist die Band hier zu finden.

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